
Vol 8 (2026), No 1: 1–10
DOI: 10.21248/jfml.2026.106
Rezension
Sänger, Maike (2023): Wissensvermittlung in TV-Magazinen für Kinder. Genre – Moderationsrollen – Vermittlungsverfahren. Frankfurt a. M. etc.: Peter Lang (= Wissen – Kompetenz – Text, 18). 532 Seiten. € 89,95 ISBN: 9783631886922 DOI: 10.3726/b20358
Die von Maike Sänger vorgelegte Publikation ist eine Dissertation, die 2022 an der Technischen Universität Darmstadt angenommen wurde. Sie gliedert sich in zwei große Teilbereiche (A. Theorie & B. Empirie), die sich insgesamt über acht umfangreiche Kapitel erstrecken. Nach einführenden Anmerkungen zum Thema Wissensvermittlung im Kinderfernsehen illustriert Sänger das Forschungsdesiderat und formuliert ihre zentralen Forschungsinteressen (vgl. S. 27–29):
F 1 Was kennzeichnet das Genre Kinderwissensmagazin?
F 2 Welche Funktionen übernehmen die moderierenden Personen in Kinderwissensmagazinen?
F 3 Wie wird die Wissensvermittlung in Kinderwissensmagazinen sprachlich gestaltet?
Beginnend mit Kap. 2 beleuchtet der Teil A. Theorie den Untersuchungsgegenstand Kinderfernsehen/Kindersendungen im Hinblick auf das journalistisch ausgerichtete Medienformat (S. 35–104), fokussiert die Akteure des Wissenstransfers (S. 105–145) und richtet den Fokus insbesondere auf die Rolle der moderierenden Personen, die sich in Kindersendungen – aufgrund der kommunikativen Anforderungen – in einem Spannungsverhältnis einer Experten-Laien-Kommunikation befinden. Im Kap. 3 werden dann die Begriffe Wissenstransfer sowie Vermittlungsverfahren (S. 147–152) definiert, um anschließend ausgewählte Aspekte der Wissensvermittlung und die verschiedenen Ebenen der Textgestaltung in den Vermittlungsverfahren darzustellen (S. 152–185). Den Abschluss der theoretischen Einordnung bildet ein Kapitel zur Verständlichkeit, in dem anhand des Karlsruher Verständlichkeitsmodells und eines Exkurses zu subjektiven Produktionstheorien (u. a. Freund 1990) das Konzept Verständlichkeit für die Analyse in diesem medialen Setting ausgearbeitet wird (S. 186–201). Im Teil B. Empirie verfolgt Sänger das Ziel, die wissensvermittelnden Fernsehsendungen umfassend aus einer sprach- und medienwissenschaftlichen Perspektive zu beschreiben. Im Kontext der Genrebeschreibung möchte sie herausstellen, wie moderierende Personen einzelne Sendungen, ihre Bestandteile und den Prozess der Wissensvermittlung gestalten.
Um dieses Forschungsinteresse zu realisieren, hat Sänger drei übergeordnete Forschungsfragen (mit ausdifferenzierten untergeordneten Forschungsfragen) entwickelt, die in einem Drei-Ebenen-Modell (vgl. S. 213) mit unterschiedlichen Granularitätsstufen zusammengefasst sind. Auf der Makroebene (F 1) werden formale und inhaltlich-funktionale Aspekte der Sendungen betrachtet und daraufhin die Rolle der moderierenden Personen auf der Mesoebene (F 2) untersucht. Die Mikroebene (F 3) beschäftigt sich damit, wie die sprachliche Gestaltung der Wissensvermittlung erfolgt, wobei insbesondere die Untersuchung von multimodalen Ressourcen in der Analyse und der Diskussion berücksichtigt wird. Dem ersten Fragenkomplex (F 1) werden die folgenden zwei Forschungsfragen zu Sendungsinhalten und der Sendungsstruktur untergeordnet (vgl. S. 209 f.):
F 1.1 Welche kleinteiligen Sendungsbestandteile lassen sich zur Genrebeschreibung herausarbeiten und wie sind diese sendungsspezifisch gestaltet?
F 1.2 Welche thematischen Schwerpunkte finden sich in Kinderwissensmagazinen?
Für die Bearbeitung dieser Fragen auf der obersten Ebene unterscheidet Sänger zum einen zwischen formalen und inhaltlich-funktionalen Gestaltungsaspekten, die sie mithilfe einer induktiv orientierten Kategorienbildung erarbeitet hat. Zum anderen werden thematische Schwerpunkte der Sendungen mithilfe einer Kombination aus quantitativen Analysen der Sendungen sowie qualitativen Einzelanalysen einiger Folgen systematisch analysiert und ausgewertet. Den zweiten Fragenkomplex (F 2) untergliedert Sänger ebenfalls in zwei Unterfragen (vgl. S. 210 f.):
F 2.1 Welche Rolle(n) nehmen die Moderatorinnen und Moderatoren im Prozess der Wissensvermittlung ein?
F 2.2 Welche Aufgaben kommen den moderierenden Personen über die Wissensvermittlung hinaus zu?
Zur Annäherung an diese Fragen greift Sänger auf Ergebnisse medienwissenschaftlicher Rezeptionsstudien sowie pragmalinguistischer Analysen des Sprachgebrauchs moderierender Personen zurück und untersucht zudem die Sprecherrolle sowie die entsprechenden Sprachhandlungen in den jeweiligen Kommunikationssituationen. Die Analysekategorien werden aus Erkenntnissen der rezipierten Studien abgeleitet. Daran schließt sich die mikrostrukturelle Ebene (F 3) an, die die konkreten Vermittlungsverfahren und Fachworterklärungen fokussiert (vgl. S. 211 f.):
F 3.1 Welche sprachlichen Vermittlungsverfahren finden sich besonders häufig in den betrachteten Sendungen?
F 3.2 Welche multimodalen Ressourcen werden gezielt für die Wissensvermittlung eingesetzt?
Vor dem Hintergrund der Annahme, dass Texte in wissensvermittelnden Sendungen verständlich und interessant gestaltet sein müssen (u. a. Sabban 2003), sowie aus der Perspektive der Wissenstransferforschung arbeitet Sänger qualitativ mit induktiven und deduktiven Parametern heraus, wie eng die Vermittlungsverfahren mit der Moderation und den multimodalen Elementen verbunden sind. Die Analyse ist an eine konversationsanalytische Gesprächsanalyse angelehnt, wenngleich Sänger zugesteht, dass diese nur eingeschränkt für das inszenierte Szenario geeignet ist, aber dennoch zahlreiche Anknüpfungspunkte bietet. Auf Grundlage der strukturell und inhaltlich ausgerichteten Untersuchung der Sendungen (F 1) unterscheidet Sänger zwischen formal-gestalterischen Eigenschaften und inhaltlich-funktionalen Eigenschaften (vgl. S. 214). Für die thematische Analyse kommt ein modifiziertes Kategoriensystem zum Einsatz. Die Auswertung basiert auf der Annotation und Codierung von 251 Episodentiteln, um quantitative und qualitative Analysen vorzunehmen. Im Mittelpunkt der mesostrukturellen Analyse (F 2) steht die Funktion der Moderation, wobei drei zentrale Aufgabenbereiche von Moderator:innen aufgefächert werden. Auf mikrostruktureller Ebene (F 3) liegt der Fokus auf den spezifischen Vermittlungsverfahren bei der Wissensdarstellung. Hierbei werden vielfältige und ausdifferenzierte Verfahren (wie die Reduktion von Informationsfülle, die Personalisierung oder auch Fachworterklärungen) analysiert. Dabei berücksichtigt Sänger die multimodale Gestaltung, wobei die verschiedenen Zeichenmodalitäten und deren strukturelle, semantische und pragmatische Funktionen in der Vermittlung von Wissen systematisch exploriert werden. Als exemplarischer Untersuchungsgegenstand wird die Erklärung von Fachbegriffen und deren multimodale Einbettung detailliert betrachtet.
Das Korpus umfasst die deutschsprachigen Kindersendungen PUR+, Wissen macht Ah! und die Checker-Reihe (Checker Can, Checker Tobi, Checker Julian), die aufgrund ihrer Popularität und Gestaltung als moderierte Magazinsendungen ausgewählt wurden. Insgesamt handelt es sich um jeweils 20 Folgen der drei Sendungen. Sänger arbeitet mit der gesprächsanalytischen Transkriptionskonvention GAT2, weist aber auch darauf hin, dass die Analyse nur mit einem Rückgriff auf die visuelle und auditive Gestaltung der Sendungen als Ganzes erfolgen kann.
Für die Erarbeitung und Beantwortung der Forschungsfragen zur Makroebene (F 1) stellt Sänger in zwei Kapiteln die Aspekte Behandelte Themen in wissensvermittelnden Magazinsendungen (S. 237–266) sowie Struktur und Funktion der Darstellungsformen und Sendungselemente (S. 267–316) ihre zentralen Analyseergebnisse heraus.
Die Betrachtung der thematischen Bandbreite in Kinderwissensmagazinen zeigt ein vielfältiges Angebot an Wissensinhalten. Dabei variieren sowohl die Themenwahl als auch deren spezifische Ausgestaltung erheblich. Laut Sänger ist weniger das Thema selbst als vielmehr die Perspektive, aus der es erarbeitet wird, ausschlaggebend – der Erfahrungswelt der Kinder kommt dabei eine zentrale Bedeutung zu. Bezüglich der Struktur und Funktion der Darstellungsformen und Sendungselemente in den Kinderwissensmagazinen deckt Sänger prototypische wie auch sendungsspezifische Strukturmuster auf (S. 308–316). Auf Basis der detaillierten Kategorisierung von Darstellungsformen und Sendungselementen werden sowohl folgenübergreifende Konventionen als auch signifikante Unterschiede zwischen den Formaten sichtbar. Für Wissen macht Ah! lässt sich ein besonders regelmäßiges und streng lineares Strukturmuster feststellen. Diese formale Klarheit wird inhaltlich durch die strikte Trennung der Themen gestützt, sodass Wissen macht Ah! als wissensvermittelnde Sendung erscheint, in der die einzelnen Erklärstücke (u. a. Gornik 1996 zu Logo) und Überleitungen unabhängig voneinander stehen. Die Notwendigkeit, eine Vielzahl unterschiedlicher Themen pro Folge einzuführen, führt zu einer gleichmäßigen Verteilung und klaren Zuordnung der Sendungselemente. Die visuelle und sprachliche Gestaltung hingegen – etwa schnelle Schnitte, dynamische Studiobeiträge, komplexe Sprache mit Ironie – steht in einem Kontrast zum streng strukturierten Ablauf. Im Unterschied hierzu weisen PUR+ und Checker Tobi eine größere Flexibilität in Bezug auf die Abfolge und Kombination von Sendungselementen sowie Darstellungsformen auf. Die Struktur dieser Sendungen ist weniger vorhersehbar: Innerhalb thematischer Blöcke werden häufig mehrere Darstellungsformen gemischt, vorzugsweise innerhalb der Erklärstücke, was zu einer höheren Dynamik und potenziell stärkeren Ansprache führen kann. Laut Sänger ermöglicht der Wechsel der Darstellungsformen innerhalb eines Sendungselements eine passgenauere Vermittlung der jeweils behandelten Inhalte und kann sich förderlich auf die Verständnissicherung auswirken. Während Wissen macht Ah! dieses Prinzip lediglich punktuell nutzt, sind entsprechende Variationen im Aufbau dort systematisch im Sendungskonzept angelegt. Ein weiteres Analyseergebnis betrifft die Granularität der Sendungsstruktur: Die Folgen von Checker Tobi und PUR+ enthalten aufgrund der insgesamt kürzeren Beiträge eine größere Anzahl unterschiedlicher Sendungselemente, wohingegen bei Wissen macht Ah! längere Erklärstücke dominieren. Nach Sänger lassen diese Unterschiede nicht auf eine unterschiedliche inhaltliche Dichte schließen, da auch längere Erklärstücke eine differenzierte inhaltliche Aufarbeitung ermöglichen. Allen drei Formaten ist gemeinsam, dass sie durch wiederkehrende Elemente wie Vor- und Abspann, Begrüßung, Einführung und Schluss strukturell gerahmt sind. Diese Strukturmerkmale überschneiden sich mit medienübergreifenden Merkmalen aus Fernsehformaten und besitzen keine spezifische, wissensvermittelnde Funktion. Vielmehr handelt es sich hierbei um Elemente, die eine Grundstruktur und Wiedererkennbarkeit unabhängig vom eigentlichen Inhalt konstituieren.
Auf der Mesoebene (F 2) stellt Sänger in drei Kapiteln drei Rollen von moderierenden Personen in den Vordergrund ihrer Analyse:
(1) als Bezugspersonen für die parasoziale Bindung
(2) als Moderatoren für die Strukturierung der Sendungen und
(3) als Erklärer und Mitspieler für Verständlichkeit und Performativität
Sänger vergleicht hierfür u. a. die Muster der Begrüßungen und Verabschiedungen in den drei ausgewählten Kinderwissensmagazinen. In diesem Zusammenhang werden Unterschiede in den jeweiligen Sendungskonzepten sowie spezifische Funktionen der Moderation erkennbar, insbesondere im Hinblick auf die Etablierung parasozialer Beziehungen (vgl. S. 317–340) im Sinne der Zuschauerforschung. Während Wissen macht Ah! über einen konstanten, streng festgelegten Aufbau aller Sendungen verfügt (s. o.), zeigt sich in den Grußformeln eine vielseitige sprachliche Variation. Im Gegensatz dazu weisen die eher flexibel aufgebauten Formate PUR+ und die Checker-Reihe (Checker Tobi/Can/Julian) nahezu formelhafte Muster in Begrüßung und Verabschiedung auf. Die Begründung für dieses gegenläufige Verhältnis liegt nach Sänger in der Funktion der Sendungselemente: In den weniger stark strukturierten Sendungen (PUR+, Checker) dienen wiederkehrende Grußformeln der Herstellung von Konstanz und Wiedererkennbarkeit, während Wissen macht Ah! eine angestrebte Bindung trotz strenger struktureller Vorgaben sprachlich flexibel gestaltet. Die beobachtete Komplementarität legt nahe, dass Regelmäßigkeit eine zentrale Voraussetzung für die Zuschauerbindung darstellt, jedoch abhängig vom Sendungstyp entweder über den formalen Sendungsaufbau oder über ritualisierte sprachliche Ausgestaltungen an Übergangsstellen wie Begrüßung und Verabschiedung realisiert wird.
Für die Rolle als sendungsstrukturierender Moderator (vgl. S. 340–371) ermittelt Sänger sendungstypische Strukturierungsleistungen der Moderation, bei denen Unterschiede in der Regelmäßigkeit und Art der Strukturierung sichtbar werden; sie sind eng mit dem jeweiligen Sendungskonzept und der Themenaufbereitung verknüpft. Wissen macht Ah! verfügt über einen auffallend konstanten formalen Aufbau, der jedoch nicht durch explizite Moderationsleistungen zur Strukturierung ergänzt wird. Die Moderator:innen übernehmen also keine eindeutige Gliederungs- oder Orientierungsfunktion für das Publikum. Die Bekanntgabe und Anordnung der Themen erfolgen meist visuell; explizite Vorankündigungen oder Zusammenfassungen fehlen weitgehend. Nach Sänger kommt multimodalen Hinweisen wie der Visualisierung einzelner Teilthemen eine orientierende Funktion zu, während sie nur selten explizit strukturierend wirken. Damit eröffnet Wissen macht Ah! für regelmäßige Zuschauer:innen stabile, wiedererkennbare Strukturen, ohne diese jedoch moderativ auszustellen.
Die Einführung und Überleitungen fungieren in allen Formaten als zentrale Strukturierungspunkte: Sie leisten typischerweise die thematische Einordnung und Alltagsverortung, insbesondere bei monothematisch angelegten Sendungen wie Checker Tobi und PUR+. Der Einführung kommt die Aufgabe zu, das Thema an die Lebenswelt der Zuschauer:innen zurückzubinden, während Überleitungen vor allem bei thematischen Wechseln eine orientierende Funktion übernehmen. Zusammenfassungen erfüllen primär eine wissensvermittelnde Funktion, können jedoch innerhalb der Sendung auch als Marker für Übergänge oder den Abschluss eines Themenblocks eingesetzt werden. Diese Elemente fehlen bei Wissen macht Ah! weitgehend, was auf die streng segmentierte und multithematische Struktur der Sendung zurückzuführen ist. Allen Sendungen gemeinsam ist, dass die Beiträge in der Einführung meist nicht in der tatsächlichen späteren Reihenfolge genannt oder behandelt werden (Ausnahme: die Reihenfolge der Checker-Fragen), was laut Sänger darauf verweist, dass eine vollständig lineare Vorstrukturierung in keinem Format dominierend ist. Während Wissen macht Ah! überwiegend auf formale Fixierung und audiovisuelle Hinweise setzt, übernehmen in Checker Tobi die Moderatoren explizit die Rolle des Strukturgebers. PUR+ nimmt eine Zwischenstellung ein und bietet eine größere Bandbreite an Strukturierungspraktiken. Für das Publikum stellen diese Strukturen nach Sänger adressatenspezifische Orientierungshilfen dar, die sowohl die Rezeption erleichtern als auch die Wissensaufnahme befördern – unabhängig davon, ob die Sendungen regelmäßig rezipiert werden.
In der detaillierten Analyse der dritten Teilfrage zur moderierenden Person in der Rolle als Erklärer und Mitspieler für Verständlichkeit und Performativität (vgl. S. 371–466) verdeutlicht Sänger die Komplexität und Vielschichtigkeit der Wissensvermittlung.
Zu den Rollenprofilen arbeitet Sänger heraus, dass die Rolle der Moderierenden je nach Darstellungsform und Sendungselement variiert. In Beiträgen mit Off-Kommentar agieren moderierende Personen konsistent als Expert:innen, die den Zuschauer:innen Erklärungen und Einordnungen bieten und häufig narrative Vermittlungsverfahren einsetzen (nach Fludernik 2010). Die Darstellungsform dient dabei der Veröffentlichung und Veranschaulichung von Inhalten und bettet diese mithilfe von Geschichten und Bewertungen in das inhaltliche Setting ein, wobei Bild- und Tongestaltung ineinandergreifen: Während die gesprochene Off-Stimme eine Expert:innenautorität etabliert, können Moderierende auch als Lai:innen inszeniert werden.
Im Studiobeitrag übernehmen moderierende Personen stets die Expert:innenrolle. Die multimodale Gestaltung der Studiosequenzen differiert sendungsformatabhängig: Die Checker-Sendungen integrieren zahlreiche digitale Einblendungen (z. B. Pfeile, Texteinblendungen) und Requisiten, während Wissen macht Ah! stärker auf die Interaktion im Moderationstandem und eine humoristische Präsentation setzt. In PUR+ dient das Studio hingegen als Ort für Strukturierung, weniger für Wissensvermittlung. Hier zeigt sich, dass das Studioumfeld und die Art der Moderation maßgeblich das Authentizitätserleben prägen. Im Kontext von Experimenten und Selbstversuchen hingegen changiert die Rolle der moderierenden Personen zwischen Lai:innen- und Expert:innenpositionen, die vom jeweiligen Sendungsformat, der Modalität und der Inszenierung abhängig ist. Entsprechend werden Moderierende als Expert:innen inszeniert, wenn sie erklärend oder anleitend auftreten, und als Lai:innen, wenn sie die Durchführung erstmals selbst erproben.
Bei der multimodalen Gestaltung der Sendungen wird das Zusammenspiel aus visuellen, auditiven und sprachlichen Modalitäten gezielt zur Unterstützung der Wissensvermittlung inszeniert. Dies beinhaltet den Einsatz von Animationen, Texteinblendungen, Realfilmausschnitten, Spezialeffekten und Musik (z. B. Checker-Sendungen und bei Wissen macht Ah!). Tabellarisch (S. 464–466) systematisiert Sänger Typen von Sendungselementen, Moderatorenrollen und Funktionen im Vermittlungsprozess und bietet einen strukturierten Überblick zum komplexen Zusammenspiel von Dramaturgie, allgemeindidaktischen Zielsetzungen und medienästhetischen Fragen.
Den Abschluss bildet die Analyse der Mikroebene (F 3) mit der Spezifizierung auf die Fachworterläuterungen. In drei komprimierten Kapiteln geht Sänger auf die multimodalen Darstellungsmöglichkeiten und die typographischen Besonderheiten bei Fachworterläuterungen ein. In diesem Kapitel zeigt Sänger eindrücklich, wie Fachwörter und deren Erläuterungen in den Kinderwissenssendungen auf unterschiedliche Weise eingeführt und erklärt werden. Häufig werden aristotelische Definitionen verwendet; außerdem sind diese oft in ausführliche Erläuterungen eingebettet. In Beiträgen mit Gesprächspartner:innen werden Fachbegriffe meist direkt im Gespräch mit einer knappen Definition zur Verständnissicherung erläutert. Wenn Fachbegriffe für das behandelte Thema oder die Zielgruppe ggf. neu sind, erfahren sie eine ausführlichere Behandlung und höhere kommunikative Aufmerksamkeit. Einige Fachbegriffe werden vereinzelt nicht explizit erläutert, wenn von keiner Wissensasymmetrie ausgegangen wird oder ein Nichtverstehen den Rezeptionsprozess nicht wesentlich beeinträchtigen würde (u. a. Schlote/Gröller 2007).
Die sprachlichen Vermittlungsverfahren beim Erklären von Fachwörtern und die multimodale Realisierung bedingen sich gegenseitig. Redundanzen im Vermittlungsverfahren entstehen u. a. durch die gleichzeitige Verwendung von Sprache und visuellen Darstellungen (z. B. Texteinblendungen, Standbilder). Wiederholungen und Paraphrasen im inszenierten Gespräch dienen einer Verständnissicherung. Bei fremdsprachlichen Fachbegriffen werden Übersetzungen und die Erläuterung einzelner Wortbestandteile angeboten, häufig werden diese unterstützt durch entsprechende Schrifteinblendungen. Die eingesetzten Visualisierungen reichen von Realfilmaufnahmen über Trickfilm bis hin zu selbst erstellten Modellen. Nach Sänger bleibt der Versuch einer Reduktion der Informationsfülle und die Fokussierung auf relevante Merkmale zentral, um eine für die Zielgruppe antizipierte Überforderung zu vermeiden und den Wissenserwerb gezielt zu unterstützen. Sänger stellt heraus, dass sich jedoch keine eindeutigen Muster nachweisen lassen; vielmehr wird die Situations- und Sendungsspezifik berücksichtigt (vgl. Übersicht auf S. 483).
Auch wenn der Fokus der Dissertation ausdrücklich nicht fachdidaktisch oder medienpädagogisch angelegt ist, bleibt hinterfragend anzumerken, dass Aussagen zur möglichen Über- oder auch Unterforderung der Zielgruppe ausschließlich aus der Perspektive Erwachsener getroffen werden. Inwiefern tatsächlich von einer Über- oder Unterforderung kindlicher Rezipient:innen gesprochen werden kann, lässt sich auf dieser Grundlage nur eingeschränkt beurteilen. Der erwachsene Blick auf kindliche Rezeptionsprozesse in diesem Zusammenhang hätte daher stärker problematisiert und reflektiert werden können, zumal keine empirischen Daten aus der Perspektive der Kinder selbst erhoben wurden.
Insgesamt überzeugt die Arbeit durch ihre hohe analytische Tragweite und die systematische Verbindung von Genreanalyse, die Rollenbeschreibung der Moderation und die detaillierte Untersuchung sprachlich-multimodaler Vermittlungsverfahren. Diese sehr lesenswerte Publikation stützt sich auf einen interdisziplinären Rahmen aus Medien-, Journalismus-, Wissenstransfer- sowie Fachsprachenforschung und besticht durch die umsichtige Vernetzung fachwissenschaftlicher Grundlagen, ihre methodische Stringenz, eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Klassifikationen und ihren konsequenten medienlinguistischen Fokus. Die Kombination aus quantitativen und qualitativen Verfahren, die Analyse multimodaler Gestaltungsressourcen und die theoriebasierte Differenzierung der Moderationsfunktionen ermöglichen eine nuancierte genrespezifische Medienanalyse speziell für wissensvermittelnde Kinderformate.
Potenziale für zukünftige Forschungsprojekte liegen m. E. insbesondere in zwei Bereichen: Einerseits in der systematischen Differenzierung von Darstellungsformen und Sendungselementen in weiteren Medienformaten sowie altersspezifischen Medienformaten und andererseits in der intermedialen Ausweitung auf informelle und formelle Bildungsmaterialien wie Erklärvideos. Insgesamt stellt die Dissertation einen substanziellen Beitrag zur medienlinguistischen Erforschung audiovisueller Wissensvermittlung für Kinder dar, bietet Anschlussmöglichkeiten für didaktische und rezeptionsanalytische Studien und sollte daher als Grundlage für die Weiterentwicklung medienadäquater Vermittlungskonzepte im Kindersegment intensiv rezipiert werden.
Literatur
Fludernik, Monika (2010): Erzählung aus narratologischer Sicht. In: Engler, Balz (Hg.): Erzählen in den Wissenschaften: Positionen, Probleme, Perspektiven. 26. Kolloquium (2009). Kolloquien der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Fribourg: Academic Press, 5–22.
Freund, Bärbel (1990): Verständlichkeit und Attraktivität von Wissenschaftssendungen im Fernsehen: Die subjektiven Theorien der Macher. In: Meutsch, Dietrich/Freund, Bärbel (Hg.): Fernsehjournalismus und die Wissenschaften. Opladen: Westdeutscher Verlag, 89–123.
Gornik, Hildegard (1996): Das Erklärstück – ein Spezifikum von Fernsehnachrichten für Kinder. In: Hess-Lüttich, Ernest W. B./Holly, Werner/Püschel, Ulrich (Hg.): Textstrukturen im Medienwandel. Frankfurt a. M. etc.: Peter Lang (= Forum Angewandte Linguistik, 29), 161–178.
Sabban, Annette (2003): Momente narrativer Entfaltung im populärwissenschaftlichen Zeitschriftentext. In: Kablitz, Andreas/Oesterreicher, Wulf/Warning, Rainer (Hg.): Zeit und Text. München: Fink, 121–145.
Schlote, Elke/Gröller, Monika (2007): Und täglich grüßt das gleiche Gesicht? ModeratorInnen im Kinderfernsehen. In: Televizion 2 (20), 29–31.
Wegener, Claudia (2001): Informationsvermittlung im Zeitalter der Unterhaltung. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften (= Studien zur Kommunikationswissenschaft, 47).