
Vol 8 (2026), No 3: 40–71
DOI: 10.21248/jfml.2026.109
Hinweis der Herausgeber*innen: Dieser Beitrag ist Teil des Quo-vadis-Themenhefts und wurde daher keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen.
Vom Cyberspace zum Offline-Dorf
Essayistische Überlegungen zu
Konzeptualisierungen
(nicht-)digitaler Kommunikationsräume
Abstract
Im Beitrag wird die Frage in den Blick genommen, inwiefern digitale Kommunikation räumlich geprägt und wahrgenommen wird und ob bzw. wie sich diese Wahrnehmung und damit verbundene evaluative Positionierungen über die letzten Jahrzehnte hinweg gewandelt haben. Dabei zeigt sich, wie solche sich verändernden Konzeptualisierungen (nicht-)digitaler Kommunikationsräume nicht nur auf neue(ste) technologische Entwicklungen oder eine zunehmende praktische Vertrautheit damit zurückzuführen sind, sondern darüber hinaus stets eng an medienlinguistische Perspektiven darauf gebunden sind. Hat etwa die frühe Medienlinguistik zunächst wesentlich zur diskursiven Konstruktion einer (mehr oder weniger) fixen Grenze zwischen Online- und Offline-Kommunikationskontexten beigetragen, betont sie heute besonders deren tiefgreifende Verflechtungen, die eine klare Trennung im Grunde verunmöglichen. Dem gegenüber steht das Bedürfnis von Sprachbenutzer:innen, diese Grenze etwa durch bewusstes Abstandnehmen von digitalen Kommunikationspraktiken (wieder-)herzustellen.
Keywords: digitale Kommunikation, Kommunikationsräume, Online-Offline-Nexus, Digital Detox, Medienlinguistik
1 Vom und zum Reinkommen
Im Jahr 1999 freute sich Boris Becker in einem Werbespot darüber, drin zu sein: Drin im Internet, was sich seinem überrascht-inszenierten Gesichtsausdruck zufolge (siehe Abb. 1), begleitet von der verbal geäußerten Frage „bin ich da schon drin oder was“? als unerwartet einfach erwiesen hat. Der bis heute nachhallende Slogan dieses Werbespots – der im Übrigen inzwischen auch Gegenstand zahlreicher Memes ist, die Boris Becker als Folge seiner Insolvenzverschleppung im Gefängnis zeigen – macht deutlich, dass es Ende der 1990er Jahre noch keine Selbstverständlichkeit war, ins Internet zu gehen bzw. im Internet drin zu sein. Vielmehr handelte es sich dabei um eine bewusst zu treffende, zeitlich und räumlich in der Regel begrenzte und durch einen Einwahlprozess zu vollziehende Entscheidung. Darüber hinaus führt der Slogan vor Augen, dass das Internet damals als irgendwie gearteter (medialer) Raum wahrgenommen wird, in den jemand sich aus bestimmten Gründen hineinbegeben kann und zu dem der genannte Einwahlprozess (dessen melodiöses Piepsen geradezu emblematisch ist) eine Zutrittsbedingung darstellt; und auch wenn dieser spezifische Einwahlprozess heutzutage durch automatisierte Verfahren nur noch eine marginale Rolle spielt (und höchstens noch bei Neuinstallationen oder WLAN-Netzen im Ausland in Ansätzen zum Zuge kommt), so kann doch immer noch davon gesprochen werden, dass man im Internet (drin) ist bzw. ins Internet (rein)geht, (nicht) (rein)kommt oder auch rausgeflogen ist – weil Personen nicht per se mit dem Internet verbunden sind, sondern sie diese Verbindung durch körperliche Praktiken (den Griff in die Hosentasche, das Entsperren des Geräts usw.) herstellen.[1]

Abb. 1: Boris Becker ist drin und glücklich darüber.
Damit einher gehen – so die Hypothese des vorliegenden Beitrags – evaluative, affektive und vor allem medienideologisch geprägte lokale und soziale Positionierungen gegenüber digitalen Kommunikationspraktiken und -räumen, die sich über die vergangenen Jahrzehnte hinweg ebenso gewandelt haben, wie die medienlinguistische Erforschung dieser Phänomene. Im Folgenden werde ich daher anhand von verschiedenen Fallbeispielen Überlegungen zu Konzeptualisierungen von (nicht-)digitalen Räume anstellen, wobei einerseits die räumliche Modellierung internetbasierter, aber andererseits auch davon bewusst Abstand nehmender Praktiken[2] im Zuge sich verändernder technischer Möglichkeiten – ebenso wie veränderter (medienlinguistischer) Forschungsmethoden und -interessen – im Fokus stehen. Dazu widme ich mich zunächst der theoretischen Fundierung (siehe Abschnitt 2), in der ich auf verschiedene mediale Lokalitätserfahrungen und -perspektiven (siehe Abschnitt 2.1 und 2.2) sowie den Online-Offline-Nexus (siehe Abschnitt 2.3) eingehe. Anschließend illustriere ich meine Überlegungen anhand ausgewählter Fallbeispiele (siehe Abschnitt 3). Der Beitrag schließt mit Fazit und Ausblick darauf, was das für eine zeitgemäße Medienlinguistik bedeutet könnte (siehe Abschnitt 4).
2 Theoretische Perspektiven
2.1 Die ‚Ortslosigkeit‘ des Internets
Neuere sozio-technologische Entwicklungen haben menschliche Erfahrungen von Ort und Lokalität maßgeblich verkompliziert (vgl. Varis 2016: 29; vgl. Manderscheid 2022). So ermöglichen das Internet bzw. technische Endgeräte wie das Smartphone als „vehicles of mobility“ (Varis 2016: 29) es Nutzer:innen, ‚anderswo‘ sowie mobil zu sein, ohne sich physisch tatsächlich fortzubewegen. Diese lokale Entgrenzung und geografische Unabhängigkeit[3] vernetzter Kommunikation – insbesondere im vielbeschworenen „Web 2.0“ oder „sozialen Netz“ (vgl. Androutsopoulos 2010: 420) – und die damit einhergehende Ermöglichung deterritorialisierter Interaktion (vgl. Androutsopoulos/Juffermans 2014: 2), wurde in ihren Anfängen nicht nur als bahnbrechende Neuerung,[4] sondern ebenso als bedeutender Vorteil beschrieben (vgl. Baron 2008; Freyermuth 2006). So perspektiviert zeichnen sich ‚das Internet‘ bzw. im Internet vollzogene Kommunikationspraktiken gerade durch Orts- oder Raumlosigkeit aus, wie etwa (Rogers 2013: 33) betont: „The Internet’s technical indifference to the geographical location of its users spawned ideals of placelessness; in its architecture, it also supposedly made for a space untethered from the nation-states.“[5]‚Das Internet‘ steht dann „for translocality and disembodiment, with time and space compressed so as to basically lose their significance“ (Varis 2016: 32) und digital-internetbasierte Kommunikationspraktiken werden entsprechend als grenzenlos oder entgrenzt begriffen (vgl. Varis 2016: 31), ohne dass sich diese Grenzen im Physischen tatsächlich auflösten oder ihre eigentliche Relevanz jemals gänzlich verlören.[6] Vielmehr betont Varis (2016: 31): „[W]hile digitalisation allows for new kinds of mobility, in the post-panoptic certain subjects will be held firmly in place.“ Mobile Geräte und Anwendungen sowie Online-Medien[7] können Menschen somit sowohl aus physischen Räumen und Orten herausreißen als diese auch gleichzeitig fest in ihrer physischen Umgebung verankern (vgl. Varis 2016: 32; vgl. auch Frick 2023).[8] Das Beispiel in Abb. 2 soll das illustrieren.

Abb. 2: Eine Frage der Perspektive (Screenshot Twitter, September 2020)
Es zeigt, wie mobile Endgeräte Menschen einerseits von physisch-gebauten, geografischen Orten und Räumen entwurzeln und sie gleichzeitig fest in ihrer physischen Umgebung platzieren. In der im Tweet von der Verfasserin geteilten und durch den vorangestellten Kommentar als ‚ehrlich‘ markierten Fotocollage werden zwei räumliche Perspektiven nebeneinandergestellt. Dabei ist im linken Bild die (vermutlich in ein Nachrichtenformat übertragene) Frontansicht der Sprecherin zu sehen, so wie sie sich den RezipientInnen jenseits der Kamera bzw. des übertragenen Bildes präsentiert, in der Perspektive, die nicht lokal gebunden ist: Zu sehen ist dabei der typische kachelförmige Videoausschnitt, der den Kopf sowie einen Teil des Oberkörpers der Person sichtbar macht und darüber hinaus den Blick auf den – sich im Rahmen der Kachel befindlichen – Hintergrund freigibt. Das Foto rechts hingegen zeigt eine seitliche Perspektive der Sprecherin in der gleichen Situation, wie durch den auf dem Stuhl platzierten Laptop (und die dadurch zu rekonstruierende Perspektive im linken Bild) sowie durch den farblich identischen Blazer geschlossen werden kann. Dieses zweite Bild zeigt die lokale Verankerung der abgebildeten Person und steht zum ersten insofern in Kontrast, als der perspektivisch vergrößerte Ausschnitt im rechten Bild die Beschränktheit des Ausschnittes im linken Bild offenbart und damit auch die in der Kameraperspektive vermittelte Aufgeräumtheit und Professionalität konterkariert. Die Verfasserin verweist mit ihrem Tweet durch die Kombination von Collage und Kommentar somit augenzwinkernd auf die (bewusst gezogenen) Grenzen des Videokonferenzausschnittes, indem sie – auch hier gegenüber der realweltlichen Situation eingeschränkt – sichtbar macht, was in der Kachel gerade nicht sichtbar ist, und indem sie damit die Komplexität räumlicher Arrangements verdeutlicht. Daran zeigt sich in der Konsequenz auch die Verwobenheit digitaler und nicht-digitaler räumlicher Settings, indem der im digitalen Bildausschnitt zwar angedeutete, aber digital gefilterte nicht-digitale Raum manipuliert wird. So entstehen multipel-vernetzte, komplexe Lokalitäten „with overlapping and interacting ‚heres‘, ‚theres‘, ‚thens‘ and ‚nows‘“ (Varis 2016: 38).
Durch ‚das Internet‘ und durch im Internet vollzogene Kommunikationspraktiken kommt es also, das dürfte aus den Ausführungen in diesem Abschnitt deutlich geworden sein, zu einer Verschiebung sozialer Erfahrungen von Raum und Zeit, die verschiedentlich als Beschleunigung beschrieben und begriffen werden: „Digital technologies accelerate a radical dislocation of our experience of both space and time“ (Syvertsen/Enli 2020: 1276). Deutlich wird aus den bisherigen Ausführungen jedoch auch, dass Raum und Zeit im Grunde zusammenzudenken sind (vgl. auch Fußnote 1); ich erlaube mir dennoch, mich im vorliegenden Beitrag (zunächst) auf den Raum zu fokussieren – und zwar mit Blick auf die Frage, „wie räumliche Bezüge in Kommunikation relevant gemacht und wie Räume kommunikativ thematisiert und mithin konstruiert werden“ (Döbler et al. 2021: 21). Darauf gehe ich nun im folgenden Abschnitt mit Blick auf internetbasierte Kommunikation ein.
2.2 Das Internet als Kommunikationsraum
Kontrastierend zu der eben dargelegten (aber auch bereits relativierten) Ortslosigkeit oder placelessness wird ‚das Internet‘ – wie auch im eingangs besprochenen Becker-Werbespot – kommunikativ als sozialer Raum bzw. als Kommunikationsraum konstruiert, der betreten oder verlassen werden kann (lexikalisch verfestigt etwa auch in der Bezeichnung Chatraum oder in Statusanzeigen wie Ellis hat den Chat verlassen).[9] Blommaert/De Fina (2017: 13) bezeichnen ‚das Internet‘ in diesem Sinne als „immense social space“, den Androutsopoulos (2016b: 8) wie folgt genauer beschreibt: „Wird digitale Kommunikation andererseits als ‚Raum‘ betrachtet, so ist damit ein Handlungsraum gemeint, in dem durch Sprache und andere semiotische Mittel kommunikative Aktivitäten vollzogen werden“, wobei diese kommunikativen Aktivitäten ihrerseits zur Form(ung) des Ortes mit beitragen können (vgl. Markham 2004: 99).
Darin klingt an, was inzwischen ohnehin deutlich geworden sein dürfte – dass hier von einem sozialen, auf Interaktion basierenden (bzw. durch Interaktion geschaffenen) Raumbegriff[10] in Anlehnung an Löw (2001) sowie Knoblauch/Löw (2021: 23) ausgegangen wird (vgl. hierzu aus einer medienlinguistischen Perspektive auch Domke 2017; 2019). Kommunikationsräume werden diesem Verständnis folgend mit Löw (2001) als dual begriffen, in dem sie in und durch Kommunikation als „relationale Anordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“ (Löw 2001: 224) geschaffen werden, räumliche Strukturen aber gleichzeitig die Kommunikation mit- und vorstrukturieren (vgl. Döbler et al. 2021: 12). Um das nochmal auf die medialen Kommunikationsräume im Internet zurückzubinden, handelt es sich dabei somit um „symbolisch manifestierte Räume, die häufig in einem repräsentationalen Verhältnis zu geografisch-lokalräumlichen Verhältnissen stehen“ (Döbler et al. 2021: 13). Exemplarisch dafür ist beispielsweise die in frühen Konzeptualisierungen ‚des Internets‘ sich niederschlagende Vorstellungen eines sogenannten ‚Cyberspace‘, einem „virtual realm“ (Rogers 2013: 50),[11] das aufgrund seiner technischen Voraussetzungen nicht nur als innovativ und neuartig, sondern vor allem distinktiv wahrgenommen wurde.

Abb. 3: Die Cyberspace-Landkarte, entnommen aus: Rogers (2013: 50 f.)
Allerdings macht Abb. 3 deutlich, dass ein so imaginierter ‚Cyberspace‘ letztlich doch in einem – hier metaphorischen – repräsentationalen Verhältnis zu geografischen, physisch-lokalen Orten steht (oder stehen muss) und insofern nicht von analogweltlichen Darstellungsmustern losgelöst gedacht werden kann; somit sind weder der ‚Cyberspace‘ im Spezifischen noch mediale Kommunikationsräume im Allgemeinen placeless. Das lässt sich neben der etwas verspielt anmutenden Landkarte in Abb. 3 auch anhand weiterer Beispiele demonstrieren.

Abb. 4: Funktionsweise eines Internetforums. Aus: Online Today, Mai 1987[12]
Abb. 4 stammt aus der Ausgabe der Zeitschrift Online Today (ich komme weiter unten darauf zurück), die im Mai 1987 erschienen ist. Im dazugehörigen Artikel wird die Funktionsweise eines Internetforums erläutert und in die abgebildete Grafik (siehe Abb. 4) überführt, in der die repräsentational-räumliche Konzeptualisierung des Kommunikationsraums Forum sehr deutlich wird: Nicht nur in der Darstellung von durch Wände abgetrennten räumlichen Bereiche, durch die Menschen sich bewegen oder die sie gemeinsam nutzbar machen können, sondern auch in der gewählten Bezeichnung der so dargestellten Räume als Area oder Library.

Abb. 5: Screenshot: gather.town Demo-Version (14.03.2026)
Ein aktuelleres Beispiel stellt das vornehmlich aus Pandemiezeiten bekannte GatherTown dar, in dem gerade die an architektonisch-gebaute physische Räume angelehnte Gestaltung als Vorteil gegenüber anderen digitalen Kommunikationsräumen, wie z. B. Zoom, beworben wird:
Im Gegensatz zu Zoom, Skype und anderen ähnlichen Plattformen bietet Gather.town einen virtuellen Raum, der sich mit der Zeit wie ein echter physischer Ort anfühlt. Die Teilnehmer*innen können sich in der Umgebung bewegen, mit anderen chatten und sogar mit Objekten interagieren.[13]
Der eigene Avatar kann entsprechend auf Sofas und Stühle, an den Schreibtisch oder an einen Tisch mit anderen Avataren gesetzt werden, wobei die Interaktion mit anderen Avataren über den proximitätsbasierten Videochat grundsätzlich[14] nur dann möglich ist, wenn diese sich auf der Bildschirmfläche in unmittelbarer (digital erzeugter) ‚Nähe‘ befinden: „Fast so, als ob sie sich am selben Ort befänden“[15], wird diese Funktion angepriesen, placelessness somit als virtuell[16] überwindbares Problem rahmend. Wie bereits beim Forum in Abb. 4 der Fall, ist auch die Konzeption von GatherTown physisch gebauten Räumen nachempfunden – hier wie dort finden sich grafisch abgetrennte räumliche Bereiche, entlang deren virtueller Wände virtuelle Regale, Wasserspender oder Pflanzen angebracht sind. Bei GatherTown zieren zudem virtuelle Bäume die Grünfläche entlang der äußeren Wände des Gebäudes, sodass neben architektonisch-gebauten auch die diese mitunter umgebenden landschaftlichen Räume digital-inszeniert werden. Die digital-projizierte Architektur dieser Umgebung formt somit die (kommunikativen) Praktiken der Nutzer:innen maßgeblich mit (vgl. Varis 2016: 36).
Das zeigt sich auch an folgendem Beispiel aus einem wissenschaftlichen Kontext, in dem konferenzspezifische räumliche Arrangements (Panels, Poster Sessions, Diskussionsforen usw.) „die spielerische Simulation der Anwesenheit aller Teilnehmer*innen an einem selbst gestaltbaren und von allen gleichzeitig begeh- und erkundbaren, eben einem gemeinsamen Tagungsort“[17] ermöglichen sollen.

Abb. 6: Gather.town-Campus des DGS-Kongresses an der TU Chemnitz 2021 (20.07.2026)
Diese Konzeptualisierung ‚des Internets‘ als Kommunikationsraum geht aber über solche im Grunde offensichtlichen Beispiele hinaus und zeigt sich etwa, wenn intermediale[18] Bezüge auf als distinkt wahrgenommene Kommunikationsräume sprachlich mithilfe lokaldeiktischer Verweisstrukturen vorgenommen werden, wie in den Beispielen in Abb. 7, in denen durch die Verwendung des deiktischen Begriffs drüben ein räumliches Nebeneinander impliziert wird.

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Abb. 7: Screenshots Twitter[19] (November 2023)
In diesem Sinne und ebenfalls mit dem Fokus auf Lokaldeixis konstatierte Beißwenger (2013a, 2013b) schon vor über einem Jahrzehnt in seinem einschlägigen Aufsatz zur Raumorientierung in der Netzkommunikation die „metaphorische[] Konzeptualisierung des World Wide Web als Ressourcenraum“ und führt dies unter anderem auf die „damit in Zusammenhang stehende[] Reise- und Bewegungsmetaphorik“ zurück (surfen, navigieren, Online-Umgebung; online gehen usw.) (Beißwenger 2013a: 238). Der Blick zurück auf das einleitende Beispiel macht dabei deutlich, dass dieses Raumkonzept früher, in den Anfängen der Internetkommunikation, insofern „arm“ war „als es keinerlei Dimensionen aufweist: Entweder, man ist ‚drinnen‘ […] oder man ist ‚draußen‘, wobei ‚draußen‘ bzw. ‚nicht drin‘ zu sein die Abgeschnittenheit von der Kontaktmöglichkeit bedeutet“ (Beißwenger 2013a: 239; das heißt aber nicht, dass es im ‚Drinnen‘ keine lokaldeiktischen Orientierungen gibt). Hinzu kommt der Umstand, dass das drin sein damals mit einer relativ klar verortbaren physisch-lokalen Verankerung einherging (Nutzer:innen wählten sich etwa vom Desktop-PC zu Hause ein, wie Boris Becker im Eingangsbeispiel, oder sie gingen ins Internetcafé) und es zudem die Nutzung anderer Kommunikationskanäle blockierte, indem die Telefonleitung durch das Internet belegt war und Telefonieren somit nicht mehr möglich war. Diese früheren Einschränkungen sind längst Geschichte und zu einer amüsanten Anekdote für nachfolgende Generationen geworden; längst hat sich unser medialer Kommunikationsalltag ausdifferenziert, ist durch Smartphones polymedial (Madianou 2014; Tagg/Lyons 2021) und damit auch polylokal und -temporal geworden.
Das Spannungsfeld zwischen der placelessness einerseits und der lokalen Verankerung andererseits wird daher im Grunde (immer) noch virulenter, wie ich anhand der theoretischen Einordnung zum Online-Offline-Nexus (Androutsopoulos im Erscheinen; Blommaert 2019, 2021) gleich zeigen werde (siehe Abschnitt 2.3). Zunächst möchte ich aber noch ein kurzes Zwischenfazit ziehen: In und durch digitale Kommunikation fallen raumbezogene Grenzen zwar einerseits weg, andererseits werden aber (diskursiv) neue Grenzen erschaffen. Im Zuge dessen entstehen neue räumliche (eigentlich: raumzeitliche) Arrangements, die in der metapragmatischen Reflexion als distinktiv wahrgenommen werden. Oder um den Abschnitt mit den treffenden Worten von Varis (2016: 31) zu beschließen:
What all of this means is that the subject […] both is and is not defined by physical space, geography and location: the situation is rather more complex, and due to digitalisation, new kinds of borders can be drawn which may or may not correspond with those of nation-states.
2.3 Der Online-Offline Nexus
Die Frage, wann, wo und auch ob man drin ist, lässt sich heute nicht mehr so einfach beantworten wie zu den Zeiten von Beckers Werbespot. Das liegt nicht nur daran, dass mobile Kommunikationstechnologien, wie bereits erwähnt, inzwischen lokale Entgrenzungen (siehe 2.1) und „Verflechtungen zwischen Kommunikation, Orten, Plätzen und räumlichem Erleben“ ermöglichen (Schwarzenegger 2021: 48), sondern ist auch dem Umstand geschuldet, dass das von Beißwenger (2013a; siehe auch oben) noch als dimensionslos beschriebene Raumkonzept insofern komplexer geworden ist, als drin und nicht-drin sein in einem medial durchformten (Luginbühl 2019) bzw. mediatisierten (Hepp 2020) kommunikativen Alltag in vielen Fällen keine dichotome Unterscheidung mehr ist. Androutsopoulos (2024, im Erscheinen) spricht in diesem Sinne vom „Online-Offline-Nexus“[20]:
Based on the common meaning of nexus („a link between two different ideas or objects“, Scollon and Scollon 2004: viii), ‚online-offline nexus‘ is one among several terms that circulate in early 21st century humanities and social sciences to theorize the impact of ubiquitous digital connectivity on emplaced communicative practices.
Der häufig untertheorisierte Begriff stellt dabei, wie Androutsopoulos (im Erscheinen) weiter ausführt, einen Sammelbegriff für das in den letzten Jahren rapide steigende Interesse an den Verflechtungen von Online- und Offline-Kommunikation in postdigitalen Gesellschaften dar, nachdem sich in den Anfängen der CMC-Forschung „the perception of a more or less fixes boundary between ‚online‘ and ‚real life‘“ (Androutsopoulos 2021: 710) etabliert hat. Während Rogers (2013: 38) schon vor über einem Jahrzehnt das Ende des „virtual/real divide“ (bzw. gar das „Ende des Virtuellen“ (Rogers 2011)) fordert, herrscht inzwischen, auch vor dem Hintergrund des angenommenen Nexus, zunehmend Einigkeit darüber, „Räume digitaler Kommunikation nicht als virtuelles oder Cybergegenstück zum physischen Raum oder einer vorgeblichen ‚real world‘“ zu modellieren“ (Schwarzenegger 2021: 48) und stattdessen anzuerkennen, „dass Räume digitaler Kommunikation integrale Bestandteile unseres alltäglichen Handelns und von Wirklichkeitskonstruktionen geworden sind und sich analytisch nicht länger ausblenden oder von einem vermeintlich ‚wirklichen Leben‘ ohne Digitalbezug trennen lassen“ (Schwarzenegger 2021: 48). Nicht nur ist es also schwierig, sondern vielmehr geradezu problematisch geworden, klare Linien zwischen einem hier und dort sowie der Frage zu ziehen, was online und offline in der erlebten Erfahrung von Menschen ist oder sein kann (Varis 2016: 28): „digital infrastructures may not only be interesting loci of study in themselves, but also warrant examination as broader cultural forces, again problematizing clear dividing lines between ‚online‘ and ‚offline‘ as distinct spaces.“ (Varis 2016: 36).
So richtig und wichtig das gerade aus analytischer Perspektive sein mag, so vernachlässigt eine solche Sicht m.E. den Umstand, dass dieser divide für Nutzer:innen in ihrem (kommunikativen) Alltag durchaus weiterhin eine zentrale Rolle spielen kann, etwa im Sinne von ethnokategorialen Zuordnungen. Das zeigt Squires (2010: 458), wenn sie betont, dass die Annahme einer Grenze zwischen einem „real life and that which happens on the internet“ zu den ideologischen Kernaspekten der Registrierung von „internet language“ (Squires 2010: 458) zählt. Dazu hat im Übrigen, wie oben bereits kurz angeschnitten, gerade die frühe medienlinguistische Forschung (Stichwort Netspeak, Cyberslang, u.Ä.) wesentlich mit beigetragen, wie Spitzmüller (2013a, 2024) für den deutschen Sprachraum aufzuzeigen vermag. Das widerspiegelt sich auch heute noch in hinlänglich bekannten, etwa im öffentlichen Diskurs geäußerten technologie-deterministischen Befürchtungen zum kommunikativen Online-Verhalten (Stichwort Anonymität, vgl. Androutsopoulos 2021: 710) sowie zu dessen vorwiegend negativ imaginierten Auswirkungen auf die Sprache (Spitzmüller 2024: 489), die eine diskursive Konstante der letzten Jahrzehnte zu sein scheinen (vgl. Brommer/Frick 2025): Weiterhin würden so die „Essentialisierung und Exotisierung digital mediatisierter Kommunikation befeuert“ (Spitzmüller 2024: 489).[21]
Insofern ist die diskursive Ziehung dieser Online-Offline-Grenze vor allem auch evaluativ-positionierender Art (vgl. hierzu auch Frick 2023),[22] häufig im Sinne einer Aufwertung nicht-digitaler und einer damit einhergehenden Abwertung digitaler Kommunikationspraktiken, aber auch -räume (ich komme in den Fallbeispielen darauf zurück, siehe Abschnitt 3).[23] In diesem Zusammenhang zeigt etwa auch Stalder (2021: 18), dass das Analoge bzw. Nicht-Digitale gerade unter den Bedingungen der Digitalität „neu be- und teilweise sogar aufgewertet“ wird. Beide Perspektiven sind letztlich medienideologisch[24] aufgeladen, enthalten also „Wertehaltungen“ (Spitzmüller 2013b: 285) gegenüber Mediengebrauch bzw. angemessenem Mediengebrauch. Dies betrifft etwa die Frage danach, welche medialen Verfahren in welchem Kontext (nicht) zur Anwendung kommen, als (un)angemessen gelten, welche Bedeutungen, aber auch technischen und sozialen Affordanzen ihnen dabei jeweils zugeschrieben werden – denn „what people think about the media they use will shape the way they use media“ (Varis 2016: 43).[25] Allerdings ist das nicht so zu verstehen, dass die Nutzer:innen einem „ideologischen Determinismus […] ausgeliefert wären“ (Busch 2021: 139), vielmehr werden mediale Verfahren so indexikalisiert, dass sie als kommunikative Ressource nutzbar werden (vgl. Busch 2021: 139). Diese Indexikalisierungen betreffen dabei auch Annahmen über ‚ältere‘ Medien bzw. mediale Verfahren und vergangenen Mediengebrauch, indem eine „soziale Kontinuität medialer Praktiken“ angenommen wird, „an die Mediengebrauch dann präsupponierend anknüpft“ (Busch 2021: 139) und die im Weiteren geprägt sind durch weitverbreitete und mächtige Diskurse zu Technologien (vgl. Tagg/Lyons 2021: 727).
Es scheint im Zuge dessen daher wenig sinnvoll, die Perspektiven – den Online-Offline-Nexus als Verflechtung kommunikativer Settings auf der einen und die diskursive Reifizierung dieses divides auf der anderen Seite – als getrennt voneinander zu betrachten: Gerade die zunehmende Durchformung bzw. die problematische Trennbarkeit von Online- und Offline-Kommunikation weckt m. E. ein Bedürfnis nach einer klaren (diskursiv-kommunikativen) Grenzziehung zwischen den damit einhergehenden Praktiken und Kommunikationsräumen, wie weiter unten anhand der Beispiele zu zeigen sein wird (vgl. Abschnitt 3). Diesem Spannungsverhältnis könnte mit dem von (Androutsopoulos 2016a: 350) vorgeschlagenen Begriff der „Transkontextualität“[26] begegnet werden, der auf Online- und Offline-Verflechtungen und die damit verbundenen Rekontextualisierungsprozesse zielt: „Transkontextualität meint nicht nur die Entfaltung einer Praktik über zwei Kommunikationssettings hinweg, sondern spezifischer auch die Art und Weise, in der Handlungen in einem Setting Folgehandlungen im anderen kontextualisieren.“ Damit können die jeweiligen Kommunikationsräume und dazu vorgenommene (medienideologisch geprägte) Positionierungen als Orientierungsfolie für daraus resultierende Praktiken und/oder damit einhergehende Re-Positionierungen herangezogen werden.
3 Fallbeispiele
3.1 To be young and online
Diese theoretischen Überlegungen werde ich nun im Folgenden anhand von ausgewählten Fallbeispielen illustrieren. Die Auswahl der Beispiele erfolgte über einen längeren Zeitraum im Sinne eines thematischen Samplings durch „roam around“-Aktivitäten (Androutsopoulos 2013: 241); es handelt sich in diesem Sinne um eine unsystematische, interessegeleitete Sammlung. Den Anfang macht ein Artikel aus dem Magazin Online Today, aus dem bereits das Forum-Beispiel stammte (siehe Abschnitt 2.2); es handelt sich dabei um ein Magazin des US-amerikanischen Internetdienstanbieters CompuServe, der in den 1980er Jahren nicht nur weltmarktführend, sondern auch wegbereitend hinsichtlich neuer Kommunikationstechnologien wie z. B. Chat oder E-Mail war. [27] Das hier in den Blick genommene Exemplar ist im August 1987 erschienen und bereits das Bild (das auch als Titelbild für die gesamte Ausgabe dient) sowie die Artikelüberschrift des Features (siehe Abb. 8) sind medienideologisch durchdrungen, indem sich darin die (damals, aber zum Teil auch heute noch) weit verbreitete und tief verankerte Annahme offenbart, das Internet sei „[…] a ‚new‘, ‚different‘, ‚revolutionary‘ […] social space“ (Squires 2010: 470), der vornehmlich und mit Vorliebe von jungen Menschen erkundet wird (siehe auch Fußnote 20).
Das Bild jedenfalls zeigt sechs junge Menschen, die auf motorisierten Gefährten und mit unterschiedlichen Gadgets (z. B. Tastatur, Schnurtelefon, Kamera, Tennisschläger) in den Händen auf der metaphorischen Datenautobahn[28] in Richtung Zukunft unterwegs sind. Ohne an dieser Stelle genauer auf das Bild eingehen zu können – auch wenn eine multimodale Analyse hier sicherlich aufschlussreich wäre –, möchte ich den Blick auf einige Stellen im Text lenken, in denen räumliche Konzeptualisierungen deutlich werden. So heißt es im ersten Absatz:
Not all computer kids these days are wizards. Many are ‚just plain folks‘ who use computer networking as a vehicle for meeting friends, learning facts, mastering hobbies and a host of other uses both practical and esoteric. One of the biggest benefits of being online is the opportunity to travel without leaving home [...]. In most cases, children and teen-agers – like adults – are somewhat confined by their lifestyles. Where they live and who their friends are shape them. Getting online provides a quick, easy and fairly inexpensive way of getting out of their own communities to learn what the rest of the world is doing.

Abb. 8: Feature des Magazins Online Today im August 1987[29]
Der Einstieg in das Feature setzt zunächst die placelessness (siehe Abschnitt 2.1) als zentrale Neuerung von Online-Praktiken relevant: ‚Das Internet‘ erlaube dadurch das Ausbrechen aus den in der Regel eng gesetzten (confined) räumlich-physischen Grenzen außerhalb des Internets, die sich ihrerseits auflösen, wenn man ‚drin‘ ist. Damit sind, so heißt es in dem Beitrag weiter, neue und durchwegs positiv geframte Möglichkeiten verbunden, die im Übrigen im Gegensatz zum Forum vorwiegend auf Freizeitaktivitäten zielen. Die von Squires (2010: 470) herausgearbeitete Registrierung (im Sinne von Agha 2007) des Internets nicht nur als revolutionärer, sondern auch als „ultimately troubling space“, ist hier (noch) nicht zutreffend, es handelt sich dabei um eine neuere Zuschreibung, denn in dem Text heißt es entsprechend weiter: „Another plus […] is that youngsters make friends online based on important things, such as interests, rather than on outward appearances. ‚It is a safe medium for kids‘. […] ‚No one has to be dressed up. No one has to be beautiful.‘“
Der internetbasierte Kommunikationsraum als Erweiterung des einschränkenden geografisch-lokalen Raums wird somit als ‚sicher‘ wahrgenommen und darüber hinaus mit als relevant gesetzten Werten wie Interessen im Gegensatz zu Äußerlichkeiten in Verbindung gebracht; wie sehr sich diese Zuschreibungen an digitale Kommunikationspraktiken und -räume inzwischen geändert haben, ist nicht nur Gegenstand massenmedialer oder politischer Diskurse (z. B. aktuelle Debatten zu Social-Media-Verboten), sondern inzwischen auch zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten (vgl. exemplarisch dazu Marx 2017). Schließlich wird in dem Artikel noch einmal betont, wie Online-Kommunikation letzten Ende eine Expansion räumlich-sozialer Erfahrungen von ‚draußen‘ darstellt: „Most kids find their friends in obvious locations, usually at school or in neighbourhood, and they can look in the same place online. The difference is that online forums offer not one school or one neighbourhood but dozens.“ Dieses Beispiel mach deutlich, wie die placelessness von Online-Erfahrungen in einer Zeit, in der die massentaugliche Kommunikation über das Internet noch in den Kinderschuhen steckte, positiv evaluiert und unkritisch als sicher und mitunter authentischer als Erfahrungen in Offline-Umgebungen positioniert wird.
Einschränkend ist zu betonen, dass es sich hier lediglich um ein Beispiel handelt, das noch dazu aus einem Magazin mit einem marktwirtschaftlichen Interesse an einer positiven Darstellung von Online-Erfahrungen stammt. Dennoch widerspiegelt sich darin eine tiefe Diskrepanz zu aktuelle(re)n Positionierungen gegenüber digitalen Kommunikationspraktiken und -räumen, die viel stärker ein „Unbehagen an der digitalen Kultur“ (Nassehi 2019: 41) statt grenzenloser Euphorie über die neuen Möglichkeiten offenbaren.
3.2 Device Non-Attention: Digitale Detox-Praktiken
Diesem Unbehagen, das gerade auf den oben ausgeführten Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass es keine klare Grenze zwischen Online- und Offline-Räumen mehr gibt, wird auf unterschiedliche Weise begegnet; eine davon, auf die ich im Folgenden etwas näher eingehen möchte, ist das bewusste Ziehen einer solchen Grenze durch das Abstand nehmen von digitalen Kommunikationspraktiken und -räumen; in Anlehnung an Tagg/Lyons (2021: 747) könnten solche Praktiken als acts of device non-attention bezeichnet werden. So wie die Wahl bestimmter medialer Verfahren stets ideologisch ist (siehe Abschnitt 2.3), so ist dies auch eine bewusste Nicht-Wahl als Teil des polymedialen Repertoires, indem sie Positionierungen gegenüber Mediengebrauch offenbart: „Equally meaningful and revealing is the decision not to communicate in a polymedia environment. When one can choose from a menu of readily available communication opportunities and decides not to get in touch that becomes meaningful […] in its own way“ (Madianou 2014: 676).
Während also früher ‚drin sein‘ mit einer bewussten, durch den Einwahlprozess eingeleiteten Entscheidung verbunden war, ist es heute aufgrund der zunehmenden Verflechtung im Sinne des Online-Offline-Nexus vielmehr gerade der Zustand des ‚Nicht-Drinsein‘ im Sinne einer digital disconnection bzw. eines Digital Detox,[30] der einer bewussten „form of negative choice“ (Kaun 2021: 1574) bedarf.[31] In diesem Sinne ist es wenig überraschend, dass digital disconnection zunächst als Problem geframt (etwas funktioniert nicht so, wie es soll: man ist nicht ‚drin‘, kommt nicht ‚rein‘), bevor es als willentliche, in gewisser Hinsicht sicherlich auch privilegierte Wahl verstanden wurde (vgl. Kaun 2021: 1572).[32] Die zunehmende Popularität (siehe auch Abb. 9) dieser – in der Regel zeitlich begrenzten – Wahl ist dabei, wie oben bereits angedeutet, vermutlich gerade der raumzeitlichen Ausdehnung von digitalen Kommunikationspraktiken, ihrer zunehmend schwierigen Eingrenzbarkeit und dem damit einhergehenden Unbehagen geschuldet, das zur Aufwertung nicht-digitaler Kommunikationspraktiken und -räume führt.

Abb. 9: DWDS-Verlaufskurve zum Ausdruck Digital Detox (15.03.2026)
Dabei hat das Ideal des Digital Detox die Populärkultur inzwischen durchdrungen und es ist ein neuer Absatzmarkt entstanden, im Rahmen dessen zahlreiche kommerzialisierte Lösungsansätze angeboten werden, die eine „resistance against digital devices“ (Karppi et al. 2021: 1600) propagieren – neben klassischen Ratgeberbüchern etwa mit handyfreien Wellnessurlauben, in denen stattdessen (als quasi mustergültiges analoges Gegenstück) unbeschränkt Postkarten geschrieben werden oder durch Massagen auch eine körperliche Entgiftung durchgeführt wird (siehe Abb. 10).

Abb. 10: Detox-Wellnessangebote[33]
Wie Syvertsen/Enli (2020) sowie Moe/Madsen (2021) anhand der Untersuchung von Selbsthilfebüchern, Memoiren und Websites zeigen, gibt es verschiedene Topoi im Zusammenhang mit digitalem Detox, die mitunter auch räumliche Aspekte bzw. Dimensionen betreffen: „Schließlich lässt sich aber auch beobachten, dass selbst die Negation oder der beabsichtigte, zumindest temporäre Rückzug aus digitaler Kommunikation sich räumlich ausdrücken kann“, indem etwa die „Erfahrung der digitalen Enthaltsamkeit auch selbst stark räumlich verortet und an bestimmte Lokalitäten verwiesen“ (Schwarzenegger 2021: 64) wird.
Das äußert sich etwa in der allgegenwärtigen Empfehlung, sich räumlich von technischen Geräten zu trennen (das Smartphone beispielsweise vor der Nachtruhe nicht mit ins Schlafzimmer zu nehmen), wird aber häufig auch in Form meist naturgebundener (und als ‚natürlich‘ ideologisierter) Zufluchtsorte idealisiert, die eine entdigitalisierte Naturerfahrung versprechen (siehe Abb. 11 und 12): In beiden Abbildungen sind die darin gezeigten Menschen von (einer auch farbsymbolisch inszenierten) Natur umgeben („mitten in der Natur“, Abb. 11), andere Menschen fehlen ebenso offensichtlich wie Anzeichen für Technik oder Digitales. Damit entstehen „symbolisch aufgeladene Orte und Räume innerhalb der Lebenswelt“ (Schwarzenegger 2021: 66), die als besonders authentisch – bzw. im Gegensatz zu digitalen (Online-)Räumen überhaupt erst als authentisch – gelten und die als singuläre, nostalgische lokale Referenzpunkte, als Sehnsuchtsorte („besondere Orte“, Abb. 11) jenseits der Dauerkonnektivität („fernab vom Empfang“, Abb. 11) inszeniert werden.

Abb. 11: Offline-Urlaub fernab und mitten in der Natur[34]

Abb. 12: Die raumzeitliche Verankerung von Digital Detox[35]
Dadurch bekommt „die Nichtnutzung […] einen Ort und wird räumlich gebunden“ (Schwarzenegger 2021: 66): Die selbstgewählte Loslösung von der placelessness wird (wieder) ortsfest, die Mobilität eingeschränkt. Die damit einhergehende metaphorische „hereness“ (Syvertsen/Enli 2020: 1280), die auf das angestrebte Verweilen im gegenwärtigen Moment zielt, wird im Beispiel in Abb. 12 auch lokaldeiktisch im „Hier und Jetzt“ verankert. Dieses in solchen (und vielen ähnlichen) Angeboten kommerziell ausgebeutete (und letztlich in anderen Konsum überführte) Bedürfnis nach hereness wiederum ist auf einen der polymediale Dauerkonnektivität geschuldeten „loss of a sense of space and physical proximity and closeness“ (Kaun 2021: 1573) zurückzuführen, der durch die digitale Disconnection zurückerlangt werden kann („nah bei dir“, Abb. 11).
Ein letztes Beispiel möchte ich in diesem Zusammenhang noch anführen (siehe Abb. 13): Das gemäß Selbstauskunft wissenschaftlich basierte Offline-Institut,[36] das mit Slogans wie „Less scrolling. More living.“ oder „Wir wünschen uns weniger Bildschirmzeit und mehr Lebenszeit“ wirbt, die nicht nur den oben beschriebenen Divide bzw. die Grenze zwischen Online- und Offline-Kommunikation diskursiv verfestigen, sondern die beiden durch diese Grenze getrennten Optionen (eigentlich fast schon als Lebensstile dargestellt) eindeutig evaluativ positionieren: Online- bzw. am Bildschirm sein bedeutet, weniger (gut) zu leben, offline sein hingegen ist sinnvoll zugebrachte (gute) Lebenszeit.

Abb. 13: Das Offline-Dorf des Offline-Instituts[37]
Unter der Bezeichnung „Offline Dorf“ bietet dieses Institut einen inzwischen jährlich stattfindenden Retreat an (in Abb. 13 wird der erste davon angekündigt). Auch hier wird, wie in den vorherigen Beispielen, der Ort bzw. die Lokalität relevant gesetzt: „ein Hideout in befreiender Alleinlage. Umgeben von Bergen, Wiesen und Weite entsteht Raum für Ruhe, Nähe und echtes Dasein“, heißt es beispielsweise in der Bewerbung des diesjährigen Retreats, und weiter: „Das […] Haus liegt bewusst etwas erhöht, ruhig und zurückgezogen. Diese besondere Lage macht es leicht, abzuschalten, ohne sich abgeschnitten zu fühlen.“
Neben der räumlichen Verortung (und Verfestigung) der digitalen Detox-Erfahrung als zentrales Merkmal (siehe oben) sind in der Beschreibung in Abb. 13 weitere Topoi aus der untersuchten Detox-Ratgeberliteratur (vgl. Moe/Madsen 2021; Syvertsen/Enli 2020) zu erkennen: Neben der vom Raum ohnehin eigentlich nicht trennbaren Zeit[38] (was sich auch in festen Verbindungen wie „im Hier und Jetzt“, Abb. 12, niederschlägt), die in allen Beispielen durchscheint und die durch die Disconnection nicht nur gewonnen, sondern darüber hinaus auch besser wird (siehe oben), ist das auch der Gesundheitsaspekt: „Health as a prominent motif for digital disconnection is to be expected“ (Moe/Madsen 2021: 1590 f.); in Abb. 13 wird es gleich im ersten Satz als Argument angeführt und die Entwicklung eines „gesundheitstouristischen Konzepts“ als Ziel genannt. Auch in Abb. 12 spielt Gesundheit eine Rolle, wenn durch „ein bewusstes analoges Leben“ Psyche und Resilienz gestärkt werden sollen. Darüber hinaus, und das dürfte in allen Beispielen deutlich geworden sein, wird digitale Disconnection stark mit Authentizität assoziiert – nicht nur der involvierten Räume (das Bergdorf wird als authentischer als das Online-Forum verkauft) –, sondern auch in Form der medienideologischen Annahme, dass es unterschiedlich authentische Formen sozialer Interaktion gibt (Syvertsen/Enli 2020: 1272): Face-to-face-Kommunikation wird im Zuge dessen in der Regel als ‚echter‘ (und gesünder) positioniert als digital vermittelte Interaktion, eine evaluative Grenze wird gezogen. Die von Stalder (2021: 18) konstatierte Neubewertung bzw. Aufwertung des Analogen bzw. Nicht-Digitalen gegenüber dem Digitalen wird dann zum Verkaufsargument.
4 Fazit und Ausblick
Im vorliegenden Beitrag wurde die Frage in den Blick genommen, inwiefern digitale Kommunikation räumlich geprägt und wahrgenommen wird und ob bzw. wie sich diese Wahrnehmung und damit verbundene evaluative Positionierungen über die letzten Jahrzehnte hinweg gewandelt haben. Dabei habe ich zu zeigen versucht, wie solche sich verändernden Konzeptualisierungen (nicht-)digitaler Kommunikationsräume nicht nur auf neue(ste) technologische Entwicklungen (z. B. die mobile Verfügbarkeit von Internet im polymedialen Alltag) oder eine zunehmende praktische Vertrautheit damit (als idealerweise medienkompetente Nutzer:innen) zurückzuführen sind, sondern darüber hinaus stets eng an medienlinguistische Perspektiven darauf gebunden sind. Hat etwa die frühe Medienlinguistik zunächst wesentlich zur diskursiven Konstruktion einer (mehr oder weniger) fixen Grenze zwischen Online- und Offline-Kommunikationskontexten mit beigetragen, betont sie heute besonders deren tiefgreifende Verflechtungen, die eine klare Trennung im Grunde verunmöglichen (oder mitunter gar überflüssig machen, wenn es beispielsweise keine Offline-Option mehr gibt, etwa beim Buchen eines Tickets). Der Verlust dieser Grenze führt aber bei den Sprachbenutzer:innen teilweise zu einem verstärkten Bedürfnis ihrer (Wieder-)Herstellung, etwa durch bewusstes Abstandnehmen von digitalen Kommunikationspraktiken in als gegensätzlich konstruierten (Natur-)Räumen. Diesem Spannungsverhältnis empirisch nachzugehen, bleibt eine Aufgabe für die Medienlinguistik.
In diesem Sinne werden räumliche – oder genauer: raumzeitliche – Aspekte digitaler Kommunikationspraktiken die medienlinguistische Forschung sicherlich auch in Zukunft umtreiben, denn es ist nicht davon auszugehen, dass die soziale Kategorie Raum demnächst an Relevanz verliert (aktuelle nationalpolitische Diskurse lassen vielmehr eher das Gegenteil vermuten); die im vorliegenden Beitrag angeführten Beispiele zeigen, dass sich räumliche Vorstellungen von und räumliche Bezugnahmen auf digitale Kommunikation zwar verschoben oder in ihrer Spezifik verändert haben mögen, ihr grundsätzliches Vorhandensein stellt jedoch eine Konstante dar: Raum wird nicht nur (digital‑)kommunikativ hergestellt, (digitale) Kommunikation ist auch immer räumlich geprägt (und mitunter raumgreifend). Mit Blick auf die Quo-Vadis-Frage dieses Themenhefts ist dabei meines Erachtens zentral, dass die (Medien-)Linguistik stets ihre eigene Position bei der wirkmächtigen (Re‑)Produktion gesellschaftlicher Vorstellungen darüber, wie digitale Kommunikation (zeit‑)räumlich geprägt und (zeit-)räumlich prägend ist, reflektiert (im besten Fall im Versuch eines „Scientific Understanding of Self“, Spitzmüller 2022: 28 [Hervorh. i. O., KF]). Im Zuge dessen sollte sie bei der Auseinandersetzung mit bzw. der Anwendung von neuen empirischen Erkenntnissen und daraus resultierenden theoretischen Modelle nicht die Nutzer:innen und ihre sozialen und kommunikativen Bedürfnisse aus den Augen verlieren.
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[1] Für diesen und weitere hilfreiche Hinweise danke ich Matthias Meiler und Konstanze Marx-Wischnowski.
[2] Als Praktiken verstehe ich „verkörperlichte und wissensbasierte soziale Aktivitäten, die als verbindendes Element zwischen individuelle und kollektive Handlungen treten und als solche überindividuell routinisiert sind. ‚Praktiken‘ können zudem unterschiedliche semiotische Ressourcen sowie (materielle) Artefakte umfassen. Besonders relevant scheint mir dabei das Dichotomie-überbrückende Moment von ‚Praktiken‘ als zentrales Bestimmungsstück – es geht bei ‚Praktiken‘ in diesem Verständnis gerade um das, was sich im impliziten ‚Dazwischen‘ kondensiert resp. daraus als sprachlich-kommunikative Aktivität emergiert“ (Frick 2025: 38).
[3] Damit einher geht letztlich auch eine zeitliche Unabhängigkeit, die ebenso oft als zentrales Merkmal digital-vernetzer Kommunikation genannt wird und im Grunde von der räumlichen Dimension nicht zu trennen ist (vgl. Busch 2024, 2025). Ich komme am Ende meines Beitrags darauf zurück, an dieser Stelle soll vorerst nur festgehalten sein, dass die analytische Trennung von Raum und Zeit notgedrungen eine künstliche sein muss, weil sich Raum im hier verstandenen Sinne letztlich immer auch durch Zeit konstituiert (vgl. Löw 2001: 131).
[4] Dabei ist, wie Schwarzenegger (2021: 46) zurecht festhält, diese Sicht „historisch betrachtet wenig originell oder neu. Spätestens mit dem Aufkommen der Telegrafie wurde wiederkehrend davon geträumt, […] Kommunikation jenseits von jeglichen raumzeitlichen Begrenzungen vollziehen zu können.“
[5] Das muss allein insofern eine Idealisierung bleiben als der geografische Standort von Nutzer:innen relevant werden kann für die Frage, ob Internetzugang überhaupt bzw. in welchem Umfang und mit welcher Stabilität verfügbar ist.
[6] Dazu schreibt Hepp (2006: 55), dass „in Zeiten der Globalisierung die lokale Welt nicht aufhört zu existieren. Unabhängig davon wie weit die kommunikativen Konnektivitäten an einer einzelnen Lokalität gehen […], berührt dies nicht die Frage, dass eine Person ihr Leben zuerst einmal lokal lebt. Als ein auch physisches Wesen lebt jeder Mensch an einem bestimmten Ort. Sicherlich verändert ein solcher Ort mit wachsender kommunikativer Konnektivität seine Bedeutung, insbesondere wenn diese Konnektivität dazu tendiert, global zu sein. Das Zuhause ist nicht mehr der kommunikativ weitgehend abgeschlossene Raum, der es vor zwei Jahrhunderten war […]. Dies minimiert aber nicht die Zentralität von Lokalität in Zeiten der Globalisierung.“
[7] Ich gehe dabei mit Luginbühl/Schneider (2024) von einem zeichen- und prozessorientierten Medienbegriff aus und teile somit die Überzeugung, dass Medien „not only transport the respective message, but also contribute to the process of meaning-making itself“ (Luginbühl/Schneider 2024:, 2). Ein solches Verständnis von Medien denkt Medienideologien – im Sinne von gesellschaftlich verankerten Vorstellungen darüber, wie das Medium die Message beeinflusst – im Grunde immer schon mit (siehe genauer hierzu Abschnitt 2.3).
[8] Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel transnationaler migrantischer, aber auch touristischer Netzwerke, Communities und Identitäten (vgl. u. a. Blommaert/Rampton 2011; Androutsopoulos/Juffermans 2014; Heyd 2014; Thurlow/Jaworski 2010).
[9] Im Grunde spiegelt sich auch in der vielzitierten und noch mehr belächelten Aussage der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel, das Internet sei Neuland, eine räumliche Vorstellung desselben wider.
[10] Knoblauch/Löw (2021: 23) bestimmen Raum als „Raum als zentrale soziale Kategorie […], die auf sozialer Interaktion, Interdependenz und Relationen basiert.“
[11] Hierzu schreibt Rogers (2011: 62) an anderer Stelle: „Das Internet bekam dabei die Rolle eines virtuellen Reichs zugewiesen, das Möglichkeiten eröffne, Bewusstsein, Identität, Körperlichkeit, Gemeinschaft, (Staats-)Bürgerschaft und Politik/soziale Bewegungen neu zu definieren.“
[12] Online einsehbar unter: https://archive.org/details/Online_Today_Vol_06_05_1987_May, 15.03.2026. Der Titel des Features lautet: Forums. Online Meeting Places Generate Discussions. Das Forum wird hier zudem vor allem als professioneller Business-Raum geframt, bspw. durch die Kleidung der gezeigten Personen.
[14] Es gibt allerdings davon auch Ausnahmen, so etwa die privaten Bereiche, in denen die ‚Nähe‘ der Avatare zueinander nicht interaktionsrelevant ist.
[16] Virtuell soll hier dabei keineswegs als Gegenbegriff zu real verstanden werden, auch wenn das noch immer eine gängige Lesart gerade in Bezug auf digitale Kommunikationskontexte zu sein scheint (vgl. auch Frick 2023: 161). Mit virtuell meine ich hier vielmehr digital kreiert und im Internet angeboten (vgl. auch https://www.dwds.de/wb/virtuell, 14.03.2026, dort Lesart 1b).
[17] Vgl. hierzu https://monarch.qucosa.de/api/qucosa%3A75729/attachment/ATT-0/, 20.07.2026.
[18] Verstanden mit Androutsopoulos (2016a: 351): „[…] so verweist der Begriff der Intermedialität auf die Diffusion von digital-vernetzten Äußerungen durch weiter, medial-kommunikative Räume.“
[19] Als der Screenshot aufgenommen wurde, operierte die Plattform noch unter dem Namen ‚Twitter‘ und gehörte nicht Elon Musk. Seither hat sich die Plattform (neu: ‚X‘) zu einer problematischen Propagandamaschine für rechtspopulistische Positionen und insbesondere zu einem weitestgehend unregulierten Machtinstrument für ihren Besitzer gewandelt.
[20] Vgl. hierzu auch Blommaert (2019: 485): „We now live in an online-offline nexus of communication“ und das wirke sich zwangsläufig auf die Betrachtung und Vorstellung der Grundlagen disziplinärer Ansätze aus. Auch wenn Blommaert hier eine vorwiegend soziolinguistische Perspektive einnimmt, ist seine Aussage sicherlich auch für die Medienlinguistik treffend (siehe auch Abschnitt 4).
[21] Dabei sind ‚Jugendliche‘ (in bewusster Abgrenzung von ‚Erwachsenen‘) nach wie vor die Personengruppe, die prototypischerweise mit ‚digitaler Sprache‘ – und insbesondere deren als negativ wahrgenommenen Aspekte – in Verbindung gebracht und explizit als deren primäre Nutzende genannt werden (Spitzmüller 2024: 486). Wie Busch (2021) seinerseits zeigt, werden diese Zuschreibungen von Jugendlichen reflektiert.
[22] Zu sozialer Positionierung bzw. Stanceteaking im Online-Kommentieren vgl. insb. Merten (2025).
[23] Eine evaluative Grenze im Übrigen, die wir alle in den Jahren der Pandemie selbst in ihrer Wirkmächtigkeit selbst erlebt haben, wenn Konferenzen „leider nur“ online waren, digitale Lehre als weniger inspirierend oder erfolgreich und umgekehrt das analoge Wiederaufeinandertreffen als besonders erfreulich und bereichernd bewertet wurden.
[24] Gershon (2010: 391) definiert Medienideologien wie folgt: „media ideologies, like language ideologies, involve the assumptions that people hold about how a medium accomplishes communicative tasks. In short, media ideologies are what people believe about how the medium affects or should affect the message“. Sie orientiert sich dabei an Silversteins (1979: 193) bis heute massgeblicher Definition von Sprachideologien als „any set of beliefs about language articulated by users as a rationalization or justification of perceived language structure and use“.
[25] Hierzu schreibt Busch (2021: 138): „Ob Geburtstagsglückwünsche beispielsweise per handschriftlicher Glückwunschkarte, E-Mail oder WhatsApp-Nachricht vermittelt werden, hat das Potential metakommunikativ erkannt und sozial interpretiert zu werden.“
[26] In eine ähnliche Richtung zielte im Grunde schon der von (Hepp 2006: 54) geprägte (und den hier im Fokus stehenden räumlichen Aspekt betonenden) Begriff „Translokalität“, mit dem erfasst wird, „dass das Lokale nach wie vor seine Bedeutung hat, dass auf der anderen Seite aber heutige Lokalitäten sowohl physisch als auch kommunikativ in einem hohen Maße konnektiert sind.“ Insofern könnte unter Berücksichtigung der bei Androutsopoulos genannten und für den Nexus relevanten Aspekte von translokalen digitalen Praktiken gesprochen werden, wenn es besonders um räumliche Aspekte der digitalen Kommunikation gehen soll.
[27] Auf der About-Page der noch immer abrufbaren Seite heißt es: „Founded in 1969 as a computer time-sharing service, Columbus, Ohio-based CompuServe drove the initial emergence of the online service industry. In 1979, CompuServe became the first service to offer electronic mail capabilities and technical support to personal computer users. CompuServe broke new ground again in 1980 as the first online service to offer real-time chat online with its CB Simulator. By 1982, the company had formed its Network Services Division to provide wide-area networking capabilities to corporate clients“ (https://www.compuserve.com/home/about.jsp, 15.03.2026).
[28] Eine in den 90er Jahre geläufige Metapher für das Internet. Ich bedanke mich bei Noah Bubenhofer für den Hinweis.
[29] Einsehbar unter: https://archive.org/details/Online_Today_Vol_06_08_1987_Aug, 15.03.2026.
[30] Verstanden wird unter dem Phänomen, das vor allem kommunikationswissenschaftlich in jüngster Zeit viel Aufmerksamkeit erfahren hat, folgendes: „Digital detox can be defined as a periodic disconnection from social or online media, or strategies to reduce digital media involvement.“ (Syvertsen/Enli 2020: 1269).
[31] Diese Wahl ist ihrerseits mit gewissen Vorkehrungen verbunden, wie wir das beispielsweise alle von urlaubsbedingten Abwesenheitsmeldungen in unseren E-Mail-Accounts kennen. Nicht erreichbar zu sein ist nicht mehr der Default-Zustand und muss daher angezeigt werden.
[32] So schrieb Miriam Meckel (2007) schon vor 20 Jahren ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Vom Glück der Unerreichbarkeit“.
[35] https://www.wellnesshotel.com/de/inspiration/social-blog/digital-detox-wellnesshotel, 15.03.2026
[36] https://www.offline-institute.com/, 15.03.2026
[37] Dieser Screenshot wurde im September 2023 aufgenommen und ist so auf der Seite nicht mehr verfügbar. Das aktuelle Retreat wird jedoch hier beworben: https://www.offline-institute.com/offline-dorf, 15.03.2026 Auf der Seite kann man sich bspw. auch für einen Offletter anmelden, der wie folgt beworben wird: „Als Offline Institute wählen wir unsere Kommunikation mit Bedacht. Wir schicken dir nur das, was wirklich wichtig ist – versprochen.“
[38] Im Grunde hat das bereits Bakhtin (1981) mit dem Begriff der „Chronotopes“ – Zeiträumlichkeit bzw. timespace – zu fassen versucht. Darunter versteht er die „intrinsic connectedness of temporal and spatial relationships“ (Bakhtin 1981: 84f.), es geht ihm also um die Untrennbarkeit von Zeit und Raum im menschlichen sozialen Verhalten und die Auswirkungen dieser Untrennbarkeit auf unser Handeln, so wie es in den hier gezeigten Beispielen ersichtlich ist. Dabei involvieren Chronotopoi spezifische Formen von Agency und Identität, oder in anderen Worten: spezifische Muster sozialen Verhaltens sind in bestimmten zeiträumlichen Konfigurationen erwartbar oder erwünscht (vgl. Blommaert/De Fina 2017: 3) und umgekehrt erlauben, ermöglichen und sanktionieren bestimmte zeiträumliche Konfigurationen ihrerseits bestimmte Verhaltensweisen (vgl. Blommaert 2016: 52).