Vol 8 (2026), No 3: 180–194

DOI: 10.21248/jfml.2026.127

Hinweis der Herausgeber*innen: Dieser Beitrag ist Teil des Quo-vadis-Themenhefts und wurde daher keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen.

Partizipation als Schlüsselbegriff der Medienlinguistik: Gegenstände, Erkenntnispotentiale, Desiderate

Ein Positionspapier

Stephan Habscheid

Abstract

Vor dem Hintergrund allgegenwärtiger institutioneller und digital-medialer Partizipationsversprechen kommt dem Partizipationsbegriff in der Gegenwart eine hohe Popularität zu – gleichzeitig entwickelt sich ‚Partizipation‘ im Zusammenhang mit notorischen Enttäuschungen einerseits, dem zunehmend populären Versuch der Anfechtung von Minderheiteninteressen andererseits zu einem kontroversen Begriff im öffentlichen Diskurs. In der Wissenschaft treffen sozialtheoretische und, hiermit verflochten, politische, teils kritische, teils affirmative Lesarten aufeinander und tragen in Verbindung mit den populären Debatten ebenfalls zur (nach wie vor) aktuellen Relevanz des Begriffs bei. Mit Bezug auf einschlägige Themenfelder (z.B. „direkte“ Demokratie; digitale Öffentlichkeiten; mediale Teilhabe in der Arbeitswelt) plädiert der Beitrag dafür, Partizipation als einen Schlüsselbegriff der empirischen Medienlinguistik zu etablieren und künftig weiter auszuarbeiten.

Keywords: Partizipation, Demokratie, Popularität, Populismus, Öffentlichkeit, Positionierung, Teilhabe, Inklusion, Disability Studies, Beziehungsaspekt

1.

Bürgerversammlungen und Plebiszite in der Kommunalpolitik, Citizen Science, sozialpädagogische Teilhabe, Patient Empowerment und Shared Decision Making in der Medizin, Inklusion in Schulen und Betrieben, Kommentarspalten von Online-Medien, Publikumsbeteiligung an Serien- und Spieleproduktionen, der synodale Weg in der Kirche … – quer über institutionelle Handlungsfelder ist „Partizipation“ – verstanden als ein freiwilliges Engagement zur Mitwirkung an Entscheidungs- und Gestaltungsprozessen (vgl. Bock 2018: 345, mit Bezug auf Kaase 2000: 466) – ein zentrales Thema. Partizipation zielt auf die (zum Teil formalisierte) Verwirklichung von Bürgerrechten, eine höhere Qualität von institutionellen Leistungen, einen idealiter egalitären, konstruktiven Modus der Konfliktbewältigung, auf soziale Innovation und auf politische Sozialisation auf dem Weg zu „höheren“ Aufgaben (etwa im Sinn einer Schule der Demokratie, vgl. Mau 2024: 135–136, 131–132). Mit dem Versprechen, Partizipation zu ermöglichen und zu befördern, gehen aber auch nahezu zwangsläufig Enttäuschungen einher (vgl. Bock 2018: 346, mit Bezug auf Bora 2005) – denen nicht selten durch noch mehr Partizipation begegnet werden soll. Partizipation stellt noch immer ein „Hochwertwort“ dar (Niehr 2018: 32; Bock 2018: 346), scheint in der Gegenwart – unter den Bedingungen einer partizipativen Medienöffentlichkeit – aber auch zunehmend zu einem kontroversen Begriff zu werden, etwa wenn Partizipationsansprüche von Minderheiten populistisch in Frage gestellt werden (vgl. Slobodian 2025, mit Verweis auf eine bestimmte volkswirtschaftlich-völkische Ideologietradition).

2.

Chancen und Grenzen von Partizipation werden auch in der Wissenschaft untersucht, mit sehr unterschiedlichen Befunden: Performativitätsorientierte praxeologische Ansätze wie die Science Technology Studies (STS) zeigen in empirischen Fallstudien etwa am Beispiel der Medizin, wie durch (organisierte) Partizipation von Betroffenen die wissenschaftliche Erkenntnislage substanziell verbessert, Behandlungen patientenorientiert ausdifferenziert und dabei u. U. sogar neue Krankheitskategorien[1] kooperativ entwickelt werden können (vgl. z. B. Epstein 1995; Schubert/Zillien 2023). Vertrauen in das tatsächliche Veränderungspotential partizipativer (Präsenz-)Formate (z. B. Diskussionen in „Bürgerräten“) in der Politik hat mit Blick auf die gegenwärtige Krise der Demokratie (u. a. in Ostdeutschland) z. B. der Soziologe Steffen Mau: Er plädiert vor dem Hintergrund besonderer, historisch gewachsener Sozialstrukturen, Identitäten und politischer Repräsentationsformen (vgl. Mau 2024: 126, 131–132) für ein „Labor der Partizipation“ (Mau 2024: 129) mit dem Ziel, auf verschiedenen Diskursfeldern „die Gesellschaft enger mit der Politik zu verbinden und Entscheidungs- und Partizipationsmöglichkeiten jenseits der klassischen Parteien zu vergrößern“ (Mau 2024: 133). Dagegen argumentieren strukturorientierte, kritische Ansätze in der Politikwissenschaft typischerweise, dass unter den gegebenen politisch-ökonomischen und kulturell-ideologischen Machtbedingungen Partizipation nur den Charakter einer „Simulation“ haben könne, die einer tiefgreifenden Veränderung zum Besseren, etwa in ökologischer Hinsicht, gerade im Weg stehe (Blühdorn 2013). Nach Veith Selk (2023: 134–143) wird das demokratische Leitbild der Partizipation heute abgelöst durch das Konzept der „Governance“: Dabei kommen neben (nur idealiter gleichrangigen) Bürgerinnen und Bürgern weitere Akteure (u. a. Unternehmen, Verbände, Expertinnen und Experten) in asymmetrischen Konstellationen und – als Ordnungskraft neben der öffentlichen Administration – Marktprinzipien ins Spiel, was in der Demokratie massive Legitimationsprobleme hinsichtlich Macht und Einfluss, Interessen und Transparenz mit sich bringe. Unübersehbar ist: Partizipation leidet – dem egalitären Anstrich zum Trotz – notorisch unter sozialer Ungleichheit und ganz praktischen „Barrieren“ (Munsch 2021): Wer darf und kann überhaupt (sprachlich) partizipieren, welche Beiträge werden interaktional aufgegriffen, was wird letztlich umgesetzt? Usw. – Vor dem Hintergrund der kontroversen Debatten, die hier nur exemplarisch aufgerufen werden können, wird in dem vorliegenden Beitrag danach gefragt, welche Rolle der Partizipationsbegriff für die und in der Medienlinguistik spielt und was eine medientheoretisch fundierte Sprachwissenschaft zur systematischen Analyse, empirischen Erforschung und praktischen Gestaltung von Partizipationsprozessen genuin beitragen kann.

3.

Partizipation ist zunächst ein sozialtheoretischer Grundbegriff (vgl. auch Bock 2015: 346, 350–352), der auch für die Medienlinguistik von ganz elementarer Bedeutung ist. In diesem Sinn wird Partizipation allgemein verstanden als ein Beteiligt-Sein an sozialen Situationen, die im basalen Fall durch Kopräsenz (Anwesenheit) geprägt sind (Goffman 1979). Dabei ist Kopräsenz nicht einfach eine objektive, statische materielle Gegebenheit, sondern stets auch eine kooperative – partizipative – Errungenschaft: Sie muss mindestens in zeitlicher Hinsicht von den Beteiligten etabliert und aufrechterhalten werden – andernfalls ist die auf fortlaufend ineinander greifendem „Doing“ und „Display“ (vgl. Birkner et al. 2020: 18–19) beruhende Praxis der Interaktion nicht möglich (grundlegend: Hausendorf 2025). Liegt im Fall von Interaktion in räumlicher Hinsicht keine physische Kopräsenz vor (z. B. im Telefonat, in der Videokonferenz), kann man von „Telekopräsenz“ (Hausendorf 2025: 232) sprechen, Kommunikation ganz ohne (auch zeitliche) Kopräsenz kann auf das mediale Prinzip der (schriftvermittelten) Textkonstitution zurückgreifen (vgl. Hausendorf 2025: 12). Sprecher und Hörer können in unterschiedlicher Relation zum Gesprochenen und Zueinander an sprachlicher Interaktion partizipieren – die abstrakte, von den Beteiligten hervorgebrachte, stets dynamische Beteiligtenkonstellation bildet das Participation framework (Goffman 1979). Dabei ist zu bedenken, dass Partizipation – auch über das elementare Sprecher- und Hörerrollen hinaus – mit sozialen, etwa politischen Positionierungen (Dang-Anh 2023) einhergehen kann – in diesem Sinn ist die Interaktion systemtheoretisch mit „höheren“ sozialen Ebenen (Diskurse, Gattungen, Stile, Institutionen, Organisationen) verflochten: Beteiligte geben und interpretieren miteinander multimodale Hinweise, die auf die jeweiligen Positionierungen verweisen (vgl. Hausendorf 2025: 192–199). Politische Partizipation (als Partizipation im engeren Sinne) kann auf Interaktion (Partizipation im weiteren Sinne) aufbauen, z. B. in einer Bürgerversammlung. In diesem Fall positionieren und legitimieren sich die Beteiligten im Citizen Talk in unterschiedlichen Hinsichten als betroffene Bürgerinnen und Bürger (concerned citizens, vgl. Bora/Hausendorf 2009). – Für die Medienlinguistik ergibt sich vor diesem Hintergrund die Frage, welcher Begriff von Medien einer solchen situationsbezogenen, performativen Auffassung von Kooperation und Verständigung entspricht. Eine Position, die in der Tradition der Konversationsanalyse von Charles Goodwin (2018) und an der Schnittstelle von Konversationsanalyse und Medientheorie von Erhard Schüttpelz und Christian Meyer (2017) entwickelt wurde, ignoriert soziokulturelle Verfestigungen (wie Techniken, Technologien oder Genres) als kulturelle Medien[2] nicht, nimmt sie aber auch nicht als vorausgesetzt hin. Stattdessen fokussiert sie auf einer grundlegenderen Ebene der sozialen Ordnung auf den Begriff der „Praxis“ (Schüttpelz/Meyer) oder des „kooperativen Handelns“ (Goodwin): Es wird analysiert, wie die Teilnehmenden im Verlauf der Interaktion gemeinsam verständliche und verantwortbare Handlungen (accountable actions) hervorbringen, indem sie die von ihren Vorgängern ins Spiel gebrachten zeichenartigen Ressourcen jeglicher Art aufgreifen und diese lokal transformieren, um neue Handlungen zu vermitteln und zu etablieren. In diesem Sinn können Medien verstanden werden als „kooperativ erarbeitete Kooperationsbedingungen“ oder, kurz gesagt, als „Medien der Kooperation“ (Schüttpelz 2016: 5). Mit Bezug zu Goffman könnte man auch von „Medien der Partizipation“ sprechen.

4.

Konkretere, im weiteren Sinn politische Auffassungen von Partizipation (s. Punkt 1) und der abstraktere, sozialtheoretische Partizipationsbegriff (s. Punkt 3) stehen in einem engen ideengeschichtlichen Zusammenhang, der auch die Medienlinguistik betrifft (vgl. auch Habscheid 2025): Wie schärfere politische Fahnen- und Hochwertwörter (Demokratisierung, Mitbestimmung, vgl. Bock 2018: 346, mit Bezug zu Niehr 2018) wird auch Partizipation mit der Studentenbewegung der 1960er Jahre in Verbindung gebracht, die ihrerseits u. a. von einschlägigen sozialtheoretischen Konzepten inspiriert war. Joachim Scharloth führt in seiner Kommunikationsgeschichte von „1968“ die Idee der Partizipation auf eine Form der „Selbstaufklärung“ (Scharloth 2011: 69) zurück, die sich u. a. aus wissenschaftlichen Quellen speiste: Genauer gesagt, geht es um die „Entdeckung des Performativen“ (Scharloth 2011: 68–75), inspiriert durch eine Rezeption von Sprachphilosophie (Austin), Mikrosoziologie (Garfinkel) und Linguistik (Hymes), zudem durch künstlerisch-intellektuelle Ansätze (Fluxus, Performancekunst) der „Situationistischen Internationale“ und der „Subversiven Aktion“ sowie von politischen Aktionsformen („direkte Aktion“) der Bürgerrechtsbewegung in den USA. Die im doppelten Wortsinn – politisch und sozialtheoretisch – „partizipativen“ Praktiken der Studentenrevolte sollten der kapitalistischen Entfremdung durch eine aktive „Störung der rituellen Ordnung“ (Scharloth 2011: 68) entgegenwirken, und zwar sowohl mit Blick auf das Innenleben der Beteiligten, ihre Bedürfnisse und Gefühle (Hedonismus), wie auf die sozialen und politischen Verhältnisse (vgl. Scharloth 2011: 69, 71). Wie in den amerikanischen Protestbewegungen sollten die performativen Störungen so als Mittel fungieren

zur Selbstaufklärung und Mobilisierung, zur Herstellung von Öffentlichkeit, zur Hinterfragung von Autoritäten und zur Kritik der symbolischen Ordnung. Für ihre Akteure ist Performanz eine Handlungskategorie und sie operieren mit dem erhofften transformatorischen Potenzial ihrer Inszenierungen (Scharloth 2011: 69).

Indem in der Folgezeit das Performative „von größeren Bevölkerungsgruppen als Handlungskategorie entdeckt“ worden sei (Scharloth 2011: 68), veränderte sich nach Scharloth im historischen Ergebnis von „1968“ die (kommunikative) Praxis in verschiedenen Institutionen (Bildung, Politik, Wissenschaft usw.) zugunsten von mehr (inszenierter) Egalität, Partizipation und Popularisierung. Dazu leistete auch die pragmatisch orientierte Sprachwissenschaft einen Beitrag, indem sie sozialtheoretisch und politisch partizipative Ansätze auf die Agenda setzte: Ein Beispiel ist die Studie „Imagearbeit in Gesprächen“ von Werner Holly (1979), die nicht nur Goffman für die Linguistik fruchtbar machte, sondern in ihrem empirischen Teil beispielsweise auch der sprachkritischen Frage nachging, wie Prüfungsgespräche an der Universität möglichst partizipativ und egalitär gestaltet werden können (vgl. Holly 1979: 136). Der Bezug zum Medienaspekt liegt auf der Hand.

5.

Der systematische Zusammenhang zwischen politischen und sozialtheoretischen Lesarten von Partizipation wird dann besonders greifbar, wenn nach der konkreten, und das heißt: detaillierten Umsetzung politischer Partizipationsansprüche und -versprechen im Alltag gefragt wird – was allerdings selbst dort nicht immer der Fall ist, wo „Teilhabe“ im Mittelpunkt politischer Projekte steht (vgl. Bock 2018: 346–347). Dass und wie Partizipation im Sinn sozialer Teilhabe auf Interaktion in einem sozialtheoretischen Sinn aufbaut, muss bzw. müsste in Institutionen professionell reflektiert werden, wenn Teilhabe gelingen soll (vgl. Dobslaw/Pfab 2015). In diesem Sinn wird oftmals unterschätzt, welcher Anstrengung und reflektierten Gestaltung im Einzelnen es bedarf, Partizipation tatsächlich realisierbar zu machen – und sie dann auch praktisch zu realisieren (Bock 2018: 352). Eine Vorstellung hiervon können beispielsweise wissenschaftliche Zugänge schaffen, die im Grenzbereich zwischen Interaktionsforschung, Medienlinguistik und Disability Studies angesiedelt sind. In dieser Perspektive werden so genannte „Behinderungen“ nicht als statische Defizite aufgefasst, sondern als praktische Hervorbringungen unter Bedingungen exkludierender Normvorstellungen und asymmetrisch verteilter Beteiligungschancen. Insofern stellt in dieser Perspektive eine detaillierte empirisch fundierte, mit partizipativem Design verbundene Gestaltung von Medien, Kommunikation, Sprach- und Zeichengebrauch einen sehr vielversprechenden Ansatz zur praktischen Ermöglichung von Partizipation dar (vgl. z. B. Due et al. 2025). Einen Ausgangspunkt bildet der Ansatz, wonach Beteiligte – ein geteiltes Kontextwissen, etwa durch eine gemeinsame Interaktionsgeschichte vorausgesetzt – selbst mit einem eingeschränkten Ausdrucksinventar dazu in der Lage sind, in einer auf Kooperation, Ko-Konstruktion und Embodiment beruhenden interaktionalen Praxis (vgl. Punkt 3) hoch komplexe verständliche und verantwortbare Handlungen zu konstituieren (vgl. z. B. zur gelingenden Partizipation unter Bedingungen von Aphasie Goodwin/Goodwin 2004; vgl. dazu Bock 2018: 351–352). Um die Handlungsmacht (Agency) der beteiligten Individuen, zumal in asymmetrischen Konstellationen, auszuschöpfen, müss(t)en daher zahlreiche Details partizipativer Praxis – sensorische, motorische, räumliche, zeitliche, technische, multimodale, sprachliche, kognitiv-emotionale, arbeitsorganisatorische, normierende bzw. kreative und widerständige – präzise beschrieben und umsichtig gestaltet werden. Mit dem am Nutzer, der Nutzerin orientierten Design von Affordanzen und dem (geschickten) Einsatz technischer Medien kommen (zunehmend) weitere Ressourcen hinzu, die situative Barrieren in Interaktion und Kommunikation überwinden helfen können, vom Sprachcomputer (Talker) für Interaktionsbeteiligte ohne Lautsprache (Wagenknecht 2024) über die sprachliche Beschreibung visueller Medieninhalte für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen („Audiodeskription“: vgl. z. B. Hirvonen/Saari 2024) und der situationsgerechten Orientierung an „Leichter Sprache“ (vgl. Bock 2018: 348–350) bis zum sprachlichen und sensorischen „Interfacing“ von „smarten“ Technologien (Hector et al. 2025; Interfacing: Lipp/Dickel 2022), um nur einige zu nennen. – Hier findet die Medienlinguistik sicher auch in Zukunft ein reichhaltiges und ertragreiches Betätigungsfeld, wobei Innovation sowohl in sozialer als auch, in interdisziplinären Konstellationen, in technologischer Hinsicht (Stichwort: multisensorische User Interfaces) erwartet werden kann. Die Analysen können auch eine Institutionenkritik einschließen, wenn etwa die Schriftkommunikation in rechtlich-bürokratischen Beteiligungsverfahren so gestaltet ist, dass die zur Partizipation erforderlichen (sprachlichen) Kompetenzen die adressierte Bürgerschaft faktisch ausschließt (vgl. z. B. Hausendorf 2008 zum Format der Eingabe in Genehmigungsverfahren).

6.

Herstellung, Aufrechterhaltung und Wiederaufnahme von Partizipation setzen einen respektvollen Umgang miteinander voraus – in der Gegenwart wird, mit Blick auf die politische Kommunikation in Social Media oft beklagt, dass es im Kontext emotional aufgeheizter, scheinbar unversöhnlicher Konflikte gerade hieran mangele (vgl. z. B. Assmann/Assmann 2025: 119). Wenn „mehr Partizipation“ der Ansatz zur Konfliktlösung ist, kann ein solcher destruktiver Modus der Auseinandersetzung paradoxerweise noch weiter an Fahrt aufnehmen – jedenfalls kann nicht erwartet werden, dass „der Stammtisch mit seinem Radau und all seinen Vorurteilen“ in dialogischen Verfahren der Bürgerbeteiligung schlagartig verschwindet (Mau 2024: 137). Zudem darf man Gesellschaft nicht mit Gemeinschaft verwechseln: Jürgen Kaube und André Kieserling (2022: 23–28) weisen in ihrem Buch über die vermeintlich „gespaltene Gesellschaft“ darauf hin, dass Organisationen und Institutionen als abstrakte gesellschaftliche Gebilde nicht von persönlichen Beziehungen und sozialer Nähe – Assmann und Assmann (2025: 29) erinnern an den despektierlichen Begriff der „Kuhstallwärme“ – abhängen: Personen kommen und gehen, ohne dass eine auf Rollenbeziehungen und Distanz (!) beruhende Institution oder Organisation als solche ins Wanken geriete (Kaube/Kieserling 2022: 25). Andererseits kann speziell in kleinräumigen gesellschaftlichen Gebilden – Kaube und Kieserling (2022: 23) erwähnen „gesprächsdichte Kleinsysteme“ – ein grundsätzlich respektvoller Umgang miteinander unverzichtbar und der Konfliktbewältigung förderlich sein: Dies gilt für (kleinere) Kommunen ebenso wie für repräsentative Beratungsformate in Parlamenten oder „Bürgerräten“ (vgl. Punkt 2). Sicher braucht politische Partizipation viel mehr als sozialen Respekt,[3] Partizipation funktioniert aber (sofern sie einigermaßen egalitär ist) auch nicht ohne ein Mindestmaß an wechselseitiger sozialer Anerkennung – fehlt diese, bricht die soziale Kooperation, und damit auch die Möglichkeit der Partizipation, zusammen. Die Linguistik kann dabei helfen, die sozialen Bedingungen von Partizipation zu verstehen und (z. B. moderierend) zu gestalten, dabei kann sie an verschiedene Forschungstraditionen anknüpfen, die unter dem Begriff des „Beziehungsaspekts“ zusammengefasst werden und gerade heute wieder relevant sind. Der Begriff des „Beziehungsaspekts“ wurde in den 1970er Jahren durch das in Wissenschaft und institutioneller Praxis, von der Therapie bis zur Schule, populäre Buch „Pragmatics of Human Communication“ von Watzlawick, Beavin und Jackson (1967) bekannt und u.a. in der Sprachwissenschaft im Rückgriff auf andere Begriffstraditionen weiter ausgearbeitet (vgl. Habscheid 2025). Zu diesen Begriffen gehörte neben Malinowskis (1923) „phatic communion“ bzw. Jakobsons (1960) „phatischer“ Sprachfunktion auch Goffmans Begriff „Face Work“ (u. a. 1967), der in der Sprachwissenschaft unter Begriffen wie „Imagearbeit“ (Holly 1979) bzw. „Höflichkeit“ (u. a. Brown/Levinson 1987) unterschiedlich weiterverarbeitet wurde. Auf der Ebene der Interaktionsereignisse stellt der Beziehungsaspekt in seinen verschiedenen Ausprägungen einen notwendigen Bestandteil dar, ohne dessen angemessene Berücksichtigung Kooperation kaum möglich wäre. Einen Bogen zur institutionellen Kommunikation stellt die Forschungsrichtung der Funktionalen Pragmatik mit ihrem Begriff des „homileïschen Diskurses“ her (vgl. für einen Überblick Lehmann 2022: 62–68): Dabei geht es zunächst um Unterhaltung, Vergnügen und Geselligkeit, auch um die Ästhetisierung und u. U. Fiktionalisierung der Realität, und damit um einen Gegensatz zur zweckgebundenen institutionellen Kommunikation. Untersucht werden Interaktionspraktiken, sei es in der Kneipe oder am Arbeitsplatz, die sich außerhalb institutioneller Zwecke, formeller und professioneller Rollen vollziehen, z.B. Klatsch, Scherze, Frotzeln usw. (Rehbein 2012: 86). Obwohl solche Praktiken zum Vollzug der Institutionen keinen unmittelbaren Beitrag leisten, sind diese im Sinne von Komplementarität (Rekreation, Entlastung usw.) doch auf sie angewiesen (was auch ideologiekritisch bewertet werden kann, vgl. Lehmann 2022: 66–67). Einen speziellen Fall stellt die Instrumentalisierung „homileïscher Formen“ für institutionelle Zwecke dar (vgl. Lehmann 2022: 64–65, mit Bezug auf Brünner 2000). – Beispiele aus dem Kontext der politischen Partizipation kann man etwa in der Kommunikation von Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern finden, die – wenn sie erfolgreich ist – den Beziehungsaspekt geschickt berücksichtigt (vgl. z. B. Habscheid 2023; Börner/Habscheid 2023): So stellt Beziehungskommunikation z. B. eine Ressource dar, die das Vertrauen in eine bürgernahe Administration stützen und als Gegengewicht zum politisch Trennenden ein grundlegendes Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühl befördern kann. Durch einen sensitiven Umgang mit dem Beziehungsaspekt in der Kommunikation können Bürgermeister als interpersonal vernetzte Erste unter prinzipiell Gleichen die „kalte“ Bürokratie und die durch gesellschaftliche Konfliktkonstellationen geprägte Politik flankieren und als „das menschliche Gesicht“ der kommunalen Verwaltung und Politik die kommunikative Kooperation in der sozialen Dimension befördern und stabilisieren.

7.

Auf der Diskursebene stellt Partizipation, wie erwähnt, traditionell ein „Hochwertwort“ dar (Niehr 2018: 32; Bock 2018: 346), scheint in der Gegenwart aber auch zum kontroversen Begriff zu werden (vgl. Punkt 1). Meine Hypothese ist: Aufgrund seiner theoretischen Herleitung (vgl. Punkt 3) bei Unterschätzung der empirischen Komplexität (Punkt 5) werden oft sehr weitgehende Forderungen erhoben bzw. Partizipationsmöglichkeiten in Aussicht gestellt (vgl. zum Versprechen maximaler Partizipation Ganzert 2023: 9) – diese lassen sich leichter popularisieren als moderatere, stoßen aber auch auf praktische Widerstände und (in der Politik) auf ihrerseits zugespitzte, zunehmend populäre Gegenreaktionen. Diese Entwicklung, die vom Prinzip einer Steigerung und Ausstellung quantifizierter öffentlicher Beachtung (z. B. in Social Media) getragen wird (vgl. Döring et al. 2021), nimmt heute durchaus unheilvolle Züge an: Während die Partizipationsforderung die Interessen von Minderheiten demonstrativ stark macht, bedienen Gegner des Partizipationsversprechens rhetorisch provokativ Interessen, Ideologien und Ressentiments von (angeblichen, vermeintlichen) Mehrheiten (vgl. Slo­bo­dian 2025); dabei werden ethisch, rechtlich und ökonomisch begründbare Partizipationsansprüche von Minderheiten programmatisch zurückgedrängt oder negiert. Dies wiederum wird vor dem Hintergrund der Geschichte als potenziell bedrohlich wahrgenommen und führt zu Gegenpopularisierungen. – Möglicherweise kann die Diskursforschung im Grenzbereich von Polito-, Diskurs- und Medienlinguistik zur empirisch substantiierten Analyse dieses verfahrenen Konflikts einen aufklärenden Beitrag leisten.

8.

Mit Blick auf eine Gegenwartsdiagnose ist, bei aller berechtigten Sorge, allerdings auch zu bedenken: Antworten auf die Frage, inwieweit Partizipation gelingt oder scheitert, hängen vielleicht auch davon ab, ob man als Zeitgenosse auf einen durch Machtasymmetrien geprägten Konflikt schaut bzw. in einen solchen Konflikt involviert ist oder ob man im historischen Rückblick größere Linien sieht, die Krisen als Übergangsphänomene erscheinen lässt (vgl. z. B. Brauckmann 2025 zur Geschichte der frühen Umweltbewegungen in Deutschland als einer Demokratisierungsgeschichte). Hier bedarf die in der Regel als Gegenwartsforschung angelegte Medienlinguistik der Erweiterung um eine historische Perspektive (vgl. etwa Bubenhofer/Schröter 2022). Schließlich sollte die Allgegenwart der Partizipationsversprechen nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Partizipation […] kein bloßes Zugestanden-Bekommen von Möglichkeiten der Beteiligung (an Kommunikation, an Entscheidungsprozessen)“ sein kann, „sondern ein durch die beteiligten Parteien gemeinsam und aktiv konstituierter Prozess“[4] sein muss (Bock 352). Gerade die Medienlinguistik mit ihrem Blick für performative und strukturelle Details von Kooperation kann dabei helfen, Partizipation als Anspruch und Aufgabe ernst zu nehmen – und von diesem fruchtbaren Schlüsselbegriff her auch ihr eigenes Selbstverständnis in theoretischer, empirischer und anwendungsorientierter Hinsicht schärfen.

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[1]     Damit geht die Kategorisierung von Menschen (Gruppen von Patientinnen und Patienten) einher, die nicht nur Hilfsansprüche begründet, sondern u. a. durch institutionelle „Anschlusspraktiken“ auch abwertend und ausschließend wirken kann (vgl. Schubert/Zillien 2023: 898–899).

[2]    Vgl. für einen kulturlinguistischen Medienbegriff Schneider (2017).

[3]    Man denke etwa an formelle, rechtlich-bürokratische Verfahrensrahmen, an den Zugang aller Beteiligten zu relevantem Wissen, an die ordnende Kraft der Moderation und, nicht zuletzt, an Praktiken der Argumentation, Kompromiss- und Konsensfindung (vgl. Mau 2024: 133–138, am Beispiel der Kommunalpolitik Habscheid 2023).

[4]    Dabei sind mir Blick auf die Beteiligung der Individuen graduelle Abstufungen zu berücksichtigen (vgl. Bock 2018: 352, 354). Entgegen einem emphatischen und undifferenzierten Handlungsbegriff unterscheidet Hirschauer (2016) auf praxeologischer Grundlage diverse Aktivitäts- und Beteiligungsgrade, die in einer zweidimensionalen Matrix zwischen den Polen ‚aktiv vs. passiv‘ und ‚proaktiv vs. inhibitiv‘ aufgespannt sind. Das Spektrum reicht von ‚unternehmend handeln‘ bis ‚sich überlassen‘ als unterschiedlich intensiven Formen der Partizipation.