
Vol 8 (2026), No 3: 166–179
DOI: 10.21248/jfml.2026.134
Hinweis der Herausgeber*innen: Dieser Beitrag ist Teil des Quo-vadis-Themenhefts und wurde daher keinem Peer-Review-Verfahren unterzogen.
Medienlinguistik und Translationswissenschaft – ein Match made in heaven?
Ein allegorisches Interview
Abstract
Dieses allegorische Interview verfolgt einen kreativen Zugang zu der Frage, inwiefern es sinnvoll wäre, Medienlinguistik und Translationswissenschaft künftig stärker zusammenzudenken. In Form eines fingierten verschriftlichten Expertinneninterviews werden die beiden Disziplinen, die trotz ihrer zahlreichen Berührungspunkte bislang eher selten in einem Atemzug erwähnt werden, auf ihr Kooperationspotential hin geprüft – als wären sie zwei Kandidatinnen einer TV-Datingshow. Dabei wird hervorgehoben, dass translatorische Aspekte durchaus relevant sind für die Medienlinguistik und mediale Aspekte ohnehin bereits inhärent angelegt sind in translationswissenschaftlichen Arbeiten. Dementsprechend kommt dieser Beitrag zu dem Schluss, dass beide Disziplinen maßgeblich von einer engeren Kooperation profitieren könnten.
Keywords: Medialität; Translation; Interdisziplinarität; Experten-Laien-Kommunikation
Die neueste Staffel Hochzeit auf den ersten Click sorgt seit Wochen für Gesprächsstoff in den Kommentarspalten der sozialen Medien, nicht zuletzt wegen einer unkonventionellen Paarung.

Abbildung 1: Prof. Dr. Sylvia Jaki (links) war sich als Expertin für das Format Hochzeit auf den ersten Click sofort sicher, dass Translationswissenschaft (Mitte) und Medienlinguistik (rechts) füreinander gemacht sind. (Fotos: KI-generiert mit FLUX.1-schnell)
Das Format Hochzeit auf den ersten Click der niederländischen Produktionsfirma Entenmool begeistert als erfolgreiche Datingshow seit Jahren weltweit die Zuschauer*innen, darunter auch in Deutschland. Der Erfolg der deutschen Ausgabe scheint unter anderem auf dem besonders sympathischen Expertenteam zu beruhen, das die Kandidat*innen nach einer ausführlichen Analyse „matcht“, bevor diese, ohne sich zu kennen, vor den Traualtar treten und sich auf gut Glück das Jawort geben. In der 10. Staffel hat besonders eine Paarung Aufsehen erregt – die von Medienlinguistik und Translationswissenschaft. Die Annäherungsversuche nach der Hochzeit verliefen mehr als holprig und kurze Zeit sah es so aus, als wäre das Experiment für die beiden schon vor Abschluss der Staffel vorbei. Das Paar polarisierte auch in den Kommentarspalten der sozialen Medien – ein Teil fand, die beiden hätte niemals gematcht werden dürfen, der andere war begeistert von der Entscheidung des Expertenteams. Wir sprechen heute mit Sylvia Jaki, einer der drei Expert*innen, um mehr über die Hintergründe dieser ungewöhnlichen Paarung zu erfahren.
Frau Jaki, Sie sind diejenige aus dem Expertenteam, die am überzeugtesten davon war, dass die beiden Kandidatinnen für eine Ehe miteinander geschaffen sein könnten. Welche Bedenken hatten dagegen Ihre beiden Kollegen?
Die Kollegen waren der Ansicht, dass die zwei noch lange nicht zusammenpassen, nur weil sie im selben Gebäude (Anm. d. Red.: dem der Angewandten Linguistik) wohnen. Im Gegenteil: Sie hatten Bedenken, dass es ein sicheres Zeichen für ihre Inkompatibiltät sein könnte, dass sie es nicht schon längst von selbst miteinander versucht haben. Wir hatten ja Anhaltspunkte, dass sie schon mehrmals miteinander gesprochen haben, aber nachhaltiges Interesse ist daraus nie entstanden. Das heißt aber doch meiner Meinung nach nicht, dass man dem Ganzen nicht ein wenig auf die Sprünge helfen kann!
Sie konnten sich also letzten Endes durchsetzen?
Das sehen Sie ja. Die überzeugenderen Argumente lagen eben auf meiner Seite. Und die Art und Weise, wie positiv sich die Beziehung zwischen den beiden entwickelt, gibt mir recht.
Warum waren Sie sich so sicher, dass die beiden zusammenpassen? Die ersten Wochen schienen ja eher den Befürchtungen Ihrer Kollegen recht zu geben.
An dieser Stelle zitiere ich gerne Ulrich Schmitz, der 2018 in der ersten Ausgabe des Journals für Medienlinguistik im Titel seines Artikels zur Linguistic-Landscape-Forschung forderte, dass alle Linguistik Medienlinguistik sein sollte. Das spricht doch für eine große Anschlussfähigkeit der Medienlinguistik an viele sprachlich relevante Betrachtungsobjekte und -ansätze. Also warum nicht auch an die Translationswissenschaft?
Könnten Sie das vielleicht genauer erklären?
Natürlich. Es gibt Fragestellungen, die typischerweise im Rahmen der Medienlinguistik verhandelt werden, die aber auch Teil der Translationswissenschaft sein könnten, und Teile der Translationswissenschaft, die von medienlinguistischen Überlegungen profitieren. Bislang wurde der Zusammenhang zwischen Medialität und Translation jedoch weitgehend vernachlässigt (Jones 2019: 178). Lassen Sie mich ein wenig ausholen: Ich möchte Ihnen zunächst gerne einmal die beiden Kandidatinnen vorstellen. So lässt sich leichter verstehen, was ich meine.
Das klingt einleuchtend. Aber vorher noch eine kurze Verständnisfrage: Sie sprechen immer von „Translationswissenschaft“. Hieß sie früher nicht „Übersetzungswissenschaft“?
Das ist eine gute Frage! Die beiden werden häufig synonym verwendet, sind aber genaugenommen nicht dasselbe, denn sie weisen lediglich eine, zugegebenermaßen große, Schnittmenge auf. Unter Übersetzung werden die meisten Menschen „den Vorgang der schriftlichen Umsetzung eines Texts aus einer Sprache (AS) in eine andere Sprache (ZS)“ verstehen (Koller 2011: 76). Diese Definition entspricht aber nicht nur der Vorstellung, die Lai*innen von Übersetzung haben dürften, sondern wird auch in der Wissenschaft für das Konzept des eigentlichen Übersetzens verwendet (vgl. z. B. Koller 2011: 77), im Englischen translation proper. Das sind also „klassische“ Übersetzungen wie die Übertragung deutscher Vertragsbedingungen ins Polnische. In Anlehnung an Jakobson (1959) unterscheidet man in der modernen Translationswissenschaft neben dieser interlingualen Übersetzung noch zwei weitere Formen, die intralinguale und die intersemiotische Übersetzung (vgl. Jüngst 2020: 15): Unter der intralingualen Übersetzung wird eine Vielzahl von Übersetzungen gruppiert, bei denen die Ausgangs- und die Zielsprache identisch sind, zum Beispiel wenn ein Text in Leichte Sprache adaptiert wird. Bei der intersemiotischen Übersetzung dagegen findet eine Übertragung zwischen verschiedenen Zeichentypen statt. Dies ist beispielsweise der Fall bei der Audiodeskription von Tanz, bei der eine körperliche Bewegung in verbalen Text übersetzt wird.
Von Translation wird immer dann gesprochen, wenn es zusätzlich zu den bereits genannten Formen um die Übertragung gesprochener Sprache mithilfe gesprochener Sprache geht, also um das Dolmetschen (Stolze 2011: 15). Translation ist folglich der Oberbegriff für Übersetzen und Dolmetschen (Snell-Hornby 2006: 37). Die Bezeichnung Translationswissenschaft hat sich allerdings im Vergleich zur länger existierenden Übersetzungswissenschaft erst in den 1980ern durchgesetzt; dass es sich um eine Disziplin handelt, deren Bemühungen über eine sprachliche Analyse hinausgehen und die inhärent interdisziplinär angelegt sind, ist mittlerweile akzeptiert (Snell-Hornby 2011: 38).
Ich bin nicht sicher, ob ich es richtig verstanden habe: Wenn jetzt jemand ein Bild in gesprochene Sprache trans…dingst oder wenn jemand einen wissenschaftlichen Vortrag in einen kurzen Wissensclip auf YouTube überträgt, ist das dann also Übersetzen?
Zugegebenermaßen ist die Abgrenzung in der Realität manchmal ein bisschen wischiwaschi. Manchmal wird Übersetzung auch nur dann verwendet, wenn es um das eigentliche Übersetzen geht, und für alle anderen Fälle Translation. Ach, lassen Sie uns das auch so halten in diesem Gespräch: Ich werde immer dann von Translation sprechen, wenn es nicht um das eigentliche Übersetzen geht.
Okay, abgemacht. Aber Sie wollten den Leser*innen kurz die beiden Kandidatinnen vorstellen.
Ganz richtig. Die Translationswissenschaft kennen wir ja jetzt schon mehr oder weniger. Wir haben gesehen, dass sie ganz schön vielseitig ist. Man denkt da im ersten Augenblick nicht immer dran, sondern hat wahrscheinlich als Lai*in vor allem irreführende Informationen in missglückten Übersetzungen von Speisekarten im Kopf oder Bedienungsanleitungen von längst defekten Geräten, die einem in 25 Sprachen die Schubladen verstopfen. Auch wenn es sich um ein vergleichsweise kleines Feld handelt, mit dementsprechend wenigen Ausbildungsinstitutionen im deutschen Raum, würde ich sagen: Klein, aber oho! Die Medienlinguistik ist natürlich auch oho, aber wenn man wirklich davon ausgeht, dass in einer großen Bandbreite linguistischer Untersuchungen eigentlich Medienlinguistik steckt, müsste sie rein größentechnisch ihre frisch Angetraute um mindestens einen halben Kopf überragen – tut sie aber nicht.
Die Medienlinguistik hat natürlich etwas mit Medien und Sprache zu tun, wobei sich zunächst die Frage stellt, welche Arten von Medien hier überhaupt gemeint sind. Sehen wir beispielweise die Süddeutsche Zeitung als Medium an, oder die Tagesszeitung, gesprochene Sprache oder das Internet? Natürlich macht das von Außen gesehen im Prinzip keinen Unterschied, wenn es um den Objektbereich der Untersuchungen geht, denn alle der gerade genannten Formen spielen im Bereich der Medienlinguistik eine Rolle. Die Wissenschaftler*innen nehmen es aber natürlich genauer. In erster Linie können wir das Medium als technische Ressource betrachten, die dazu dient, Zeichen verschiedenster Art zu speichern, produzieren oder übertragen (vgl. z. B. Perrin 2011: 41), also zum Beispiel ein Mikrofon oder eine Social-Media-Plattform. Über diese Hilfsmittel wird dann kommuniziert. Der Haken an der Sache ist, dass diese Sicht überhaupt nicht berücksichtigt, dass Medien ganz maßgeblich beeinflussen, wie sich die Kommunikation gestaltet, mit anderen Worten: wie das Medium die konkrete sprachliche Ausgestaltung erst hervorbringt, wie es auf ihr Spuren hinterlässt (vgl. Luginbühl/Schneider 2020: 59). Und dazu gehört eben auch die Frage, ob in diesem medialen Kontext Zeichen geschrieben oder gesprochen produziert werden. Die sprachliche Gestaltung des Mediums Podcast beispielsweise hängt ja unter anderem damit zusammen, dass wir es hier nicht mit dem gedruckten Wort, sondern meist mit zumindest ansatzweise spontan gesprochenen Dialogen zu tun haben – wenn sie häufig auch in unterschiedlichem Maße geskriptet sind. Letzten Endes komme ich damit noch einmal auf die eingangs von Ulrich Schmitz zitierte Aussage zurück, Linguistik sei immer auch Medienlinguistik. Es hat genau aus diesem Grund wenig Sinn, Sprache ohne Rückbezug auf die medialen Affordanzen zu betrachten, im Rahmen derer sie entstanden ist.
Affordanzen?
Darunter verstehen wir die „Beziehung zwischen den Möglichkeiten und Beschränkungen, die im Rahmen einer medialen Infrastruktur gegeben sind, auf der einen Seite und der Art und Weise, wie Menschen diese Gegebenheiten für ihre kommunikativen Zwecke nutzen, auf der anderen“ (Luginbühl/Schneider 2020: 64, ÜS SJ). Ein ganz banales Beispiel: Wenn Sie in einem Podcast ein wissenschaftliches Thema aufbereiten möchten, haben Sie im Prinzip Zeit, das Thema umfangreich zu behandeln, zumindest in vielleicht 45 bis 60 Minuten so umfangreich, dass Sie Sachverhalte differenziert darstellen können und müssen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sprache verwendet wird, die Unsicherheit widerspiegelt (vgl. Herzberg 2023: 23) – eben weil eine differenzierte Betrachtung wissenschaftlicher Themen immer Aspekte ans Tageslicht bringt, bei denen relativiert werden muss. Und das zeigt sich dann auch im Sprachgebrauch, zum Beispiel in der Verwendung von Ausdrücken wie zum Teil oder ungefähr (vgl. Klein 2026). Die sprachliche Aufbereitung wissenschaftlicher Themen für Medien, die auf kurze, prägnante Aussagen setzen, wird dagegen ganz anders aussehen. Als X zum Beispiel noch Twitter hieß, war die auf Kürze ausgelegte Plattform in Deutschland unter anderem ein beliebter Ort für konferenzbegleitende Kurzposts von Wissenschaftler*innen (Meiler 2021) – ein prima Format, um die wichtigste Message aus einem Vortrag zu vermitteln, ohne alles im Detail aufdröseln zu müssen. Die Medienlinguistik befasst sich also folglich mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Medialität und Sprachlichkeit, und insbesondere auch mit der „Erforschung von Sprache und Kommunikation unter dem Einfluss medialer Veränderungen“ (jfml.org).
Übrigens habe ich jetzt immer nur von Sprache gesprochen, aber es muss schon auch klar sein, dass Sprache in der Regel nicht isoliert vorkommt, sondern dass sie nur eine von vielen kommunikativen Ressourcen ist, die wir einsetzen. Und wie diese Ressourcen zusammenarbeiten, also wie beispielsweise im Rahmen eines auf Facebook geposteten Internetmemes verbaler Text und Bild interagieren, um eine Bedeutung zu erzeugen, wird auch in der Medienlinguistik erforscht. Und natürlich werden auch die nicht-sprachlichen Ressourcen durch das Medium beeinflusst. Im Fachjargon sprechen wir dann von Multimodalität (vgl. Wildfeuer et al. 2020: 7–9), wenn mindestens zwei dieser Ressourcen zusammen auftreten, was bei fast jeder Art von Kommunikation der Fall ist. In diesem Sinne wird auch die audiovisuelle Translation – die Translation von Produkten, die typischerweise über den visuellen und auditiven Kanal wahrgenommen werden – bisweilen als multimodale Übersetzung bezeichnet; auch wird zum Teil von intra- und intermodaler Übersetzung gesprochen (vgl. Kaindl 2024: 40–41). Ein Beispiel für erstere wäre die Übersetzung eines Kochrezepts in eine andere Sprache, für zweitere die Übertragung von Geräuschen in Sprache, wie es im Rahmen von Untertiteln für Hörgeschädigte geschieht.
So, jetzt aber wirklich zurück zu meiner ursprünglichen Frage: Warum denken Sie, dass die beiden so gut zusammenpassen?
Gegenfrage: Ist das nicht bereits völlig klar?
Ehrlichgesagt: Nein. (beide lachen)
Herrschaftszeiten, hoffentlich sind Ihre Leser*innen nicht genau so schwer von Begriff wie Sie! Die zwei sind das beste Paar seit Ernie und Bert oder sogar seit Angela Merkel und Emmanuel Macron! Das Medium spielt doch bei der Translation naturgemäß eine tragende Rolle. Beim eigentlichen Übersetzen merkt man das nicht immer gleich, weil das Medium des zu übersetzenden Textes womöglich sehr ähnlich ist zu dem Medium, in dem der übersetzte Text erscheinen soll. Man denke beispielsweise an die Übersetzung eines Romans. Aber manchmal spielt es auch bei der eigentlichen Übersetzung sehr wohl eine Rolle. So kann es zum Beispiel sein, dass Sie eine Zeitungsreportage übersetzen aus einem Blatt, das wenig Wert auf politisch korrekten Sprachgebrauch legt, für eines, bei dem das sehr wohl der Fall ist.
Traditionell wird das Thema Medium bei grundlegenden Überlegungen translationswissenschaftlicher Theorien zwar mitgedacht (z. B. Nord 2020), aber das Verständnis von Medium, ähnlich wie in Arbeiten, die sich mit medienlinguistischen Inhalten beschäftigen, kann variieren. Wenn wir aber auf der Basis von Koller (2011: 77), der das Übersetzen als textreproduzierende Aktivität bezeichnet, annehmen, dass die Translationswissenschaft die Textreproduktion untersucht, und die Medienlinguistik die Textproduktion (bzw. das Erzeugnis dieser Produktion oder dessen Rezeption), so wird deutlich, dass keine der beiden Disziplinen die Betrachtung der medialen Bedingungen außer Acht lassen kann, unter denen diese Aktivitäten geschehen und die maßgeblich das Produkt beeinflussen.
Lassen Sie mich einmal zwei Beispiele anführen: Das erste wäre die Untertitelung eines Films in einer anderen Sprache oder selbst in derselben Sprache für Hörgeschädigte (vgl. Díaz-Cintas/Remael 2007 für Einführendes in die interlinguale und Mälzer/Wünsche 2020 in die intralinguale Untertitelung). Es geht hier um die Wiedergabe gesprochener als geschriebene Sprache. Dies geht an sich bereits mit bestimmten Zwängen einher, zum Beispiel dass der Text häufig gekürzt werden muss, weil Menschen schneller sprechen als sie lesen, oder dass bei dialektalen Varietäten standardisiert werden muss, da sich ein verschrifteter Dialekt aus verschiedenen Gründen verständnishemmend erweisen kann. Der Text wird damit bereits auf jeden Fall distanzsprachlicher (vgl. Koch/Oesterreicher 1985 zu den Konzepten Nähe- und Distanzsprache). Aufgrund der Portionierung der Aussagen im Rahmen von in der Regel maximal zwei Zeilen, um das Bewegtbild nicht zu verdecken, muss zum Beispiel aber auch vermieden werden, dass Sätze zu lang und verschachtelt sind, da der Beginn des Satzes oft bereits wieder ausgeblendet ist, wenn er in den nachfolgenden Untertiteln abgeschlossen wird. Dadurch ergibt sich die Notwendigkeit, die Dialoge in relativ kurzen Sätzen wiederzugeben. Dies wird durch Schnitte, die für das Medium Film eben charakteristisch sind, noch verstärkt, da es für das Auge ungünstig ist, wenn Untertitel über einen Schnitt stehen. Ich glaube, hier sieht man sehr schön, dass wir es zwar mit einem translationswissenschaftlichen Thema zu tun haben, dass die Medialität (und auch die Multimodalität!) des Bewegtfilms sich aber ganz entscheidend darauf auswirkt, wie die Sprache der produzierten Untertitel gestaltet sein wird. So, und jetzt zu meinem zweiten Beispiel…
Ich bin ganz Ohr!
Bei meinem zweiten Beispiel geht es um die Adaption eines wissenschaftlichen Textes im Rahmen eines Comics. Logischerweise muss man sich da erst einmal ernsthaft Gedanken machen, welche Affordanzen das Medium Comic besitzt. Dazu gehört die Frage, wie komplexe Vorgänge so dargestellt werden können, dass sie in Panels visualisierbar sind, und zwar auf verständliche, aber auch ansprechende Weise. Dafür eignet sich eine starke Bindung an Personen, die im Rahmen von Comics gut darstellbar sind und als Identifikationsfiguren fungieren können. Das alles hat beispielsweise Sabban (2015) für die Adaption eines 420-seitigen Fachgutachtens zum Klimawandel im Rahmen des Comics Die große Transformation gezeigt. Sabban illustriert unter anderem, dass die Affordanzen von Comics und Graphic Novels auch die Möglichkeit bieten, absurde, aber eingängige Szenarien zu präsentieren, z. B. eine Äußerung eines Akteurs, während er aus dem Hubschrauber abgeseilt wird (Sabban 2015: 329).
Ist das aber eigentlich Untersuchungsgegenstand der Medienlinguistik oder der Translationswissenschaft? Wissenskommunikation gilt als beliebter Untersuchungsgegenstand der Medienlinguistik (vgl. z. B. Jaki/Sabban 2016), aber wir könnten das Ganze genauso gut als intralinguale Translation (im Kontext von Experten-Laien-Kommunikation) und sogar als intersemiotische Translation sehen, weil hier (zumindest teilweise) geschriebene Sprache in Bilder übertragen wird.
Ich glaube, die Leser*innen verstehen nun, worauf Sie hinauswollen. Aber wer hat jetzt in der Beziehung der beiden die Hosen an?
(rollt die Augen) Lassen Sie uns einfach solche Klischees vergessen. Viel lieber möchte ich darüber sprechen, was beide füreinander tun, wo sie sich stützen können. Wie das Medium die sprachliche Umsetzung von translatorischen Aktivitäten beeinflusst, ist zwar, wie ich schon gesagt habe, ein integraler Teil von translationswissenschaftlichen Überlegungen, aber eher als Nebenaspekt. Hier kann die Medienlinguistik die Translationswissenschaft also noch deutlich bereichern.
Wie kann man denn beispielsweise sinnvoll erklären, warum das Thema Audiodeskription von Fernsehsendungen und -filmen kein dezidiert medienlinguistisches ist? Es handelt sich bei Audiodeskriptionen um intralinguale, intersemiotische Übersetzungen für Menschen mit Seheinschränkungen (vgl. einführend Wünsche 2024), wobei ein Hörfilm ein Produkt ist, das aus dem Originalfilm und der Audiodeskription besteht. Wenn man als Medienlinguistin auf diese Produkte sieht, kann man nicht umhin, sich zu fragen, woher die (noch?) gängige Praxis kommt, blinden und sehbehinderten Menschen eine neutrale Beschreibung dessen, was im Bild zu sehen ist, zur Verfügung zu stellen, aus Angst, durch subjektive Interpretationen die Zielgruppe zu bevormunden (vgl. z. B. Perego 2019: 121–122 zur Debatte Objektivität vs. Subjektivität). Denn das widerspricht meiner Meinung nach eklatant der Tatsache, dass Filme durch ihre Bilder emotionalisieren und dies auch sollen. Ziel muss es daher doch sein, die blinden und sehbehinderten Zuschauenden in ähnlichem Maße auf der affektiven Ebene anzusprechen wie ein sehendes Publikum. Nur: Wie soll das gelingen, wenn wir das Emotionalisierungspotenzial des Bildes nicht in die Sprache übertragen? Dann haben wir es eben auf einmal nicht mehr mit einer Reproduktion zu tun!
Noch ein Beispiel, damit es wirklich eindrücklich wird: Bei der Voice-Over-Übersetzung handelt es sich um eine mehr oder weniger „klassische“ Form der Translation, die aber bisher nicht besonders viel wissenschaftliche Aufmerksamkeit erfahren hat. Wir verstehen darunter eine Form der auditiven Übersetzung. Bei ihr wird „nach einigen Sekunden der Originalton in der Lautstärke reduziert, bleibt aber während des Einspielens der Übersetzung weiterhin hörbar, zumindest wahrnehmbar, um dann nach dem Ende der Übersetzung wieder hochgefahren zu werden“ (Kluge 2024: 141). Sie wird beispielsweise bei Expert*inneninterviews im Radio, in Fernsehdokumentationen, aber auch im Reality TV eingesetzt und weist eine spezifische Art der fingierten Mündlichkeit auf (vgl. Orero 2004: 82), die sich aus verschiedenen Faktoren ergibt und die je nach Situation variiert: Hier spielen Bestrebungen nach Verständlichkeit vor dem Hintergrund der Flüchtigkeit von Bewegtbildformaten eine Rolle, die wiederum eine Distanzsprachlichkeit fördern. Die Simulation einer sprechsprachlichen Authentizität trägt im Gegensatz dazu zu einer gewissen Nähesprachlichkeit bei, während sich der konkrete Stil auch dem Grad der Seriosität der sprechenden Personen anpasst und in Abhängigkeit zu Sendervorgaben und gegebenenfalls zum Thema bzw. der Zielgruppe einer Sendereihe steht. Man sieht direkt, wie zentral das Thema der Medialität hier ist.
Dass es sich bei den zwei von mir genannten Beispielen um Formen der Audiovisuellen Translation handelt, ist übrigens kein Zufall, denn hier treten ja Aspekte der Medialität besonders zu Tage. Nicht zuletzt Jones unterstreicht den engen Zusammenhang, in dem er Audiovisuelle Translation bezeichnet als einen „act of communication which is necessarily mediated by such [media] tools and consequently shaped by the particular characteristics (or ‚mediality‘ that define each media form)“ (Jones 2019: 178).
Im Übrigen kann die Medienlinguistik der Translationswissenschaft auch bei deren Existenzängsten unter die Arme greifen: Medialität kann beispielsweise als unterstützende Argumentationshilfe dienen, wenn es darum geht, die Herausforderungen KI-gestützten Übersetzens zu erklären. Dass sich Translationsbranchen durch Globalisierung und Digitalisierung tiefgreifend verändern, lässt sich zwar auch mit Hilfe der Medienlinguistik nicht wegdiskutieren (vgl. z. B. ELIS 2026), aber was häufig vergessen wird, ist, dass der vollständigen Automatisierung doch deutliche Grenzen gesetzt sind. Gerade die Überlegungen dazu, wie sich das Verhältnis der Medialität des Ausgangstextes zu der des Zieltextes gestaltet und welche Auswirkungen das auf die allgemeine Übersetzungsstrategie und die konkreten Übersetzungsentscheidungen hat, sind hochkomplexe, kontextuell verankerte Überlegungen, die von Systemen, die auf Künstlicher Intelligenz basieren, nicht zufriedenstellend geleistet werden können.
Aber es ist nicht nur so, dass nur die Medienlinguistik etwas für die Translationswissenschaft tun kann – dann wäre es schon sehr einseitig. Nein, im Gegenteil: Die systematische Öffnung von Forschungsobjekten der Translationswissenschaft für die Medienlinguistik vergrößert und bereichert den Objektbereich dieser Disziplin. Und auch wenn Medialität Aspekte der Funktionalität und des Zielpublikums immer mindestens implizit mitdenkt, so sind diese Aspekte in der Translationswissenschaft so systematisch angelegt, dass diese Überlegungen auch für medienlinguistische Untersuchungen gewinnbringend sind.
Glauben Sie fest daran, dass die beiden es als Duo schaffen werden?
Ja, natürlich! Eigentlich ist das keine Frage des Schaffenwerdens, sondern der Legitimierung dessen, was, zumindest in Ansätzen, sowieso schon ist. Schauen Sie, es gibt ja bereits Textsammlungen, die die jeweils andere Perspektive systematisch mitdenken: so der aus der eher medienwissenschaftlichen bzw. publizistischen „Ecke“ stammende Sammelband Über-Setzen (2025) von Hektor Haarkötter und Filiz Kalmuk, in dem beispielsweise ein Vergleich zwischen der Tätigkeit in der Nachrichten- und der Übersetzungsbranche angestellt wird (Bertolaso 2025). Insgesamt sind in dem Band Perspektiven zu finden, die verschiedenste Bereiche der Translationswissenschaft (interlinguale, intralinguale und intersemiotische Translation) berühren.
Aber auch in der Translationswissenschaft lassen sich Beispiele finden: Der Band Übersetzung für/von Laien (Agnetta/Dalkeranidou 2024) lässt alleine durch die disziplinäre Verankerung der Herausgeber*innen und der Titelkomponente Übersetzung […] von Laien auf den ersten Blick eine stark übersetzungswissenschaftlich orientierte Publikation erwarten. Jedoch sind auch hier neben dieser interlingualen Komponente eine ganze Reihe an Beiträgen vertreten, die sich mit der (medialen) Vermittlung von Wissen für Nicht-Expert*innen befassen und dabei das Kontinuum zwischen Expert*in und Lai*in sowie Fragen der Verständlichkeit in den Fokus nehmen. Verständlichkeit ist nämlich ebenfalls ein Thema, das stark in der medienlinguistischen und auch -wissenschaftlichen Forschung vertreten ist.
Bei meiner ganzen Begeisterung muss ich aber auch zugeben, dass es natürlich, wie in jeder Beziehung, auch neuralgische Punkte gibt, an denen die beide zusammen und individuell arbeiten sollten: Die Translationswissenschaft muss natürlich darauf achten, dass ihre vorher schon genannten Existenzängste nicht die gesamte Beziehung überschatten. Während meiner Betreuungsgespräche mit den beiden sind mir aber auch Klagen der Translationswissenschaft aufgefallen, dass die Medienlinguistik wahnsinnig viel Zeit in den sozialen Medien verbringt. Das kann ja nicht gut sein! Als Devise gilt also für die beiden: Gemeinsam neue, positive Erfahrungen machen – völlig egal, ob diese nun „instagrammable“ sind oder nicht.
Frau Jaki, ich bemerke, dass Sie auf meine Fragen sehr leidenschaftlich reagieren. Woran liegt das?
Ach, wissen Sie, wenn man sich so sehr für Sprache, Medien und Translation interessiert, lässt es sich kaum verbergen, dass diese beiden Kandidatinnen einem besonders am Herzen liegen. Ähnlich geht es dem Kollegen, der dafür verantwortlich ist, dass die Migrations- und die Mehrsprachigkeitsforschung verkuppelt wurden. Diese Kombination ist ja auch sehr spannend, denn…
(hastig) Vielen Dank für das Gespräch! Wir bleiben gespannt, wie sich diese vielversprechende Beziehung weiterentwickeln wird.
Literatur
Agnetta, Marco/Dalkeranidou, Sofia (Hg.) (2024): Übersetzungen für/von Laien. Perspektiven auf die Laientranslation und Laientranslatologie in der Romania. Hildesheim: Georg Olms.
Diaz Cintas, Jorge/Remael, Aline (2007): Audiovisual Translation: Subtitling. Manchester & Kinderhook: St. Jerome Publishing.
ELIS Research (2026): European Language Industry Survey 2026. Trends, expectations and concerns of the European language industry.
URL: https://elis-survey.org/wp-content/uploads/2026/03/ELIS-2026-Report.pdf
Haarkötter, Hektor/Kalmuk, Filiz (Hg.) (2025): Über-Setzen. Mediendiskurse zwischen Transfer und Transformation. Wiesbaden: Springer.
DOI: 10.1007/978-3-658-45736-5
Herzberg, Lizzi (2023): Kommunikative Praktiken im Wissenschaftspodcast. In: Sprachreport 39 (1), 18–25.
DOI: 10.14618/sr-1-2023_herz
Jaki, Sylvia/Sabban, Annette (Hg.) (2016): Wissensformate in den Medien: Analysen aus Medienlinguistik und Medienwissenschaft. Berlin: Frank & Timme.
Jakobson, Roman (1959): On linguistic aspects of translation. In: Brower, Reuben A. (Hg.): On Translation. Cambridge: Harvard University Press, 232–239.
Jones, Henry (2019): Mediality and Audiovisual Translation. In: Pérez-González, Luis (Hg.): The Roudledge Handbook of Audiovisual Translation. Abingdon/New York: Routledge, 177–191.
Jüngst, Heike E. (2020): Audiovisuelles Übersetzen: Ein Lehr- und Arbeitsbuch. 2., überarb. und erw. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Kaindl, Klaus (2024): Vom Sprachtransfer zur multimodalen Translation: Zur Entwicklung des Text- und Übersetzungsbegriffs in der AVT. In: Künzli, Alexander/Kaindl, Klaus (Hg.): Handbuch Audiovisuelle Translation. Arbeitsmittel für Wissenschaft, Studium, Praxis. Berlin: Frank & Timme, 35–46.
Klein, Melina (2026): Auditive Wissenschaftskommunikation zu Krisenzeiten: Sprachliche Konstruktion von Expertise in öffentlich-rechtlichen Podcasts zum Thema COVID-19. Unv. Diss., Universität Hildesheim.
Kluge, Bettina (2025): Voice-over-Übersetzung. In: Künzli, Alexander/Kaindl, Klaus (Hg.): Handbuch Audiovisuelle Translation. Arbeitsmittel für Wissenschaft, Studium, Praxis. Berlin: Frank & Timme, 141–148.
Koch, Peter/Oesterreicher, Wulf (1985): Sprache der Nähe – Sprache der Distanz. Mündlichkeit und Schriftlichkeit im Spannungsfeld von Sprachtheorie und Sprachgeschichte. In: Romanistisches Jahrbuch 36, 15–43.
Koller, Werner (2011): Einführung in die Übersetzungswissenschaft. 8. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Luginbühl, Martin/Schneider, Jan G. (2020): Medial Shaping from the Outset: On the Mediality of the Second Presidential Debate, 2016. In: Journal für Medienlinguistik 3 (1), 57–93.
DOI: 10.21248/jfml.2020.34
Mälzer, Nathalie/Wünsche, Maria (2020): Untertitelung für Hörgeschädigte (SDH). In: Maaß, Christiane/Rink, Isabel (Hg.): Handbuch Barrierefreie Kommunikation. Berlin: Frank & Timme, 327–344.
Meiler, Matthias (2021): Wissenschaftliches Twittern.: Linguistische Bestandsaufnahme und method(olog)ische Auslotung, insbesondere mit Fokus auf Konferenztweets. In: Linguistik online 106 (1), 87–113.
DOI: 10.13092/lo.106.7511
Nord, Christiane (2020): Textanalyse und Übersetzen: theoretische Grundlagen, Methode und didaktische Anwendung einer übersetzungsrelevanten Textanalyse. 4., überarb. Aufl. Tübingen: Julius Groos.
Orero, Pilar (2004): The Pretended Easiness of Voice-over Translation of TV Interviews. In: The Journal of Specialised Translation 2, 76–96.
DOI: 10.26034/cm.jostrans.2004.810
Perego, Elisa (2019): Audio description. Evolving recommendations for usable, effective and enjoyable practices. In: Pérez-González, Luis (Hg.): The Routledge Handbook of Audiovisual Translation. Abingdon/New York: Routledge, 114–129.
Perrin, Daniel (2011): Medienlinguistik. 2. Aufl. Konstanz/München: UVK.
Sabban, Annette (2015): Vom wissenschaftlichen Gutachten zum Sachcomic: Strategien der Popularisierung und der Adaption in Die große Transformation. Klima – Kriegen wir die Kurve? In: Mälzer, Nathalie (Hg.): Comics – Übersetzungen und Adaptionen. Berlin: Frank & Timme, 321–335.
Schmitz, Ulrich (2018): Media linguistic landscapes: Alle Linguistik sollte Medienlinguistik sein. In: Journal für Medienlinguistik 1 (1), 1–34.
DOI: 10.21248/jfml.2018.5
Snell-Hornby, Mary (2006): Translationswissenschaftliche Grundlagen: Was heißt eigentlich „Übersetzen“? In: Snell-Hornby, Mary/Hönig, Hans G./Kußmaul, Paul/Schmitt, Peter A. (Hg.): Handbuch Translation. 2., verbesserte Auflage. Tübingen: Stauffenburg, 37–38.
Stolze, Radegundis (2011): Übersetzungstheorien. Eine Einführung. 6. Aufl. Tübingen: Narr Francke Attempto.
Wildfeuer, Janina/Bateman, John/Hiippala, Tuomo (2020): Multimodalität: Grundlagen, Forschung und Analyse – Eine problemorientierte Einführung. Berlin/Boston: De Gruyter.
DOI: 10.1515/9783110495935
Wünsche, Maria (2024): Audiodeskription. In: Künzli, Alexander/Kaindl, Klaus (Hg.): Handbuch Audiovisuelle Translation. Arbeitsmittel für Wissenschaft, Studium, Praxis. Berlin: Frank & Timme, 149–160.